|Rezension| Wir sahen nur das Glück – Gregoire Delacourt

Hat definitiv seinen Reiz, aber konnte mich trotzdem nicht restlos überzeugen.

 

41AqRWw8dQLVerlag: Atlantik
Übersetzung: On ne voyait que le bonheur
Originaltitel: Claudia Steinitz
Gebundene Ausgabe: 20,00 Euro
Ebook: 15,99 Euro
Erscheinungsdatum: 15.08.2015
272 Seiten

 

 

„Ich gehöre zu denen, die einstecken, ich bin der Typ, der nichts sagt, wenn ein Taxifahrer die längere Strecke wählt oder wenn sich eine Alte unter dem Vorwand, dass sie alt ist, an der Kasse vordrängelt und mich wie der Taxifahrer reinlegt.“ (S. 40)

 

Worum geht´s?

Wie viel ist ein Mensch wert? Das zu beurteilen ist Antoines Aufgabe als Gutachter einer Versicherung. Als die scheinbar heile Welt des Familienvaters zusammenbricht, seine Frau ihn verlässt, er seine Arbeit verliert und er für seine Kinder längst nicht mehr der große Held ist, muss er über den Wert seines eigenen Lebens nachdenken – und seine Bilanz ist vernichtend: Er hat es nicht geschafft, seinen Kindern ein besserer Vater zu sein, als sein eigener es ihm gewesen ist, hat genauso wenig wie sein Vater um die Liebe seines Lebens gekämpft… Mitreißend erzählt Grégoire Delacourt von einem Mann, der erst ganz unten ankommen muss, um zu verstehen, dass das Leben lebenswert und echtes Glück möglich ist.

 

Cover und Titel

Typisch für den Atlantik Verlag mit seinen großartigen Covermotiven, trifft auch das Cover von „Wir sahen nur das Glück“ absolut meinen Geschmack. Es wirkt durch den schlichten blauen Himmel im Hintergrund, den weißen Titel und Autorennamen sowie das Foto des Jungen mit buntem Ball absolut edel und doch nicht abgehoben.

Interessanterweise wirkt der Roman durch das Cover eher wie eine leichte Sommerlektüre, aber bereits bei einem Blick auf den Klappentext wird klar, dass man es hier mit einem sehr ernsthaften und vielschichtigen Plot zu tun hat. Auch wenn ich grundsätzlich der Meinung bin, dass ein Covermotiv den Inhalt des Buches widerspiegeln sollte, gefällt mir gerade hier dieser Kontrast aus melancholischem Inhalt und fröhlichem Cover.

 

Mein Eindruck

Nachdem ich im letzten Jahr Gregoire Delacourts „Alle meine Wünsche“ gelesen habe und von diesem Roman nicht nur überrascht, sondern vor allem schwer beeindruckt wurde, war klar, dass ich auch „Wir sahen nur das Glück“ lesen musste.

Schon nach den ersten Seiten war klar: Diese beiden Romane lassen sich – obwohl sie vom gleichen Autor stammen – überhaupt nicht vergleichen. Vor allem der ungewöhnliche Schreibstil Delacourts hat mir zu Beginn einiges abverlangt. Er schreibt kontinuierlich in sehr kurzen, schnörkellosen Sätzen, die ohne Konjunktionen aneinandergereiht werden. Trotz der wenigen Worte, sind es emotional sehr starke Formulierungen, so dass es unmöglich ist, dieses Buch in einem Rutsch zu lesen. Von Anfang an umgibt den Protagonisten Antoine eine düstere, fast schon depressive Stimmung, auf die sich der Leser einlassen muss, um in die Geschichte abtauchen zu können.

Hinzu kommen viele Zeitsprünge und wechselnde Perspektiven, die nicht als solche angezeigt werden, was zusätzlich ein sehr konzentriertes Lesen erfordert, um dem Geschehen einigermaßen folgen zu können. Hätte mir eine liebe Bloggerfreundin nicht im Vorfeld berichtet, dass es ab der Mitte des Plots besser wird, hätte ich vermutlich nach einem Drittel aufgegeben.

Aber so habe ich durchgehalten und wurde dafür auch belohnt. Ab der Mitte des Romans überrascht der Autor mit einer (für mich) unvorhersehbaren Handlung des Protagonisten Antoine, die dem Plot eine neue Würze verleiht und es unmöglich macht, den Roman nicht zu Ende zu lesen. Vor allem das letzte Drittel des Romans, der aus einer anderen Perspektive erzählt wird, fand ich sehr gut gelungen. Das Ende ist zwar unvorhersehbar, aber für mich dennoch enttäuschend, da es in meinen Augen zu weit hergeholt und damit nicht authentisch ist. Leider!

 

Mein Fazit: „Wir sahen nur das Glück“ lässt mich ein wenig ratlos zurück. Definitiv hat dieser Roman allein durch den ungewöhnlichen Schreib- und Erzählstil und einen originellen Plot seinen Reiz. Vor allem die schwierige Lesbarkeit und auch das realitätsferne Ende sind jedoch Gründe, warum ich Gregoire Delacourts neuen Roman nicht vorbehaltlos weiterempfehlen kann.

 

Bewertung3

Vielen Dank an den Atlantik Verlag für dieses Rezensionsexemplar.

 

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