|Rezension| Was ich euch nicht erzählte – Celeste Ng

Beeindruckende Geschichte über die Macht der unausgesprochenen Worte

 

https://i2.wp.com/www.dtv.de/_cover/640/was_ich_euch_nicht_erzaehlte-9783423280754.jpg?resize=187%2C293Verlag: dtv
Originaltitel: Je suis là
Übersetzung: Brigitte Jakobeit
Gebundene Ausgabe: 19,90 Euro
Ebook: 15,99 Euro
Hörbuch: 20,99 Euro
Erscheinungsdatum: 27.05.2016
288 Seiten
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„Das Geschehene war zu groß, als dass man darüber hätte reden können. Es war wie eine Landschaft, die man nicht mit einem Mal überblicken konnte; es war wie der Himmel bei Nacht, der sich unentwegt drehte, sodass man seine Ränder nicht finden konnte.“ (S.152)

 

Worum geht´s?

„Lydia ist tot.“ Der erste Satz, ein Schlag, eine Katastrophe. Am Morgen des 3. Mai 1977 erscheint sie nicht zum Frühstück. Am folgenden Tag findet die Polizei Lydias Leiche. Mord oder Selbstmord?

Die Lieblingstochter von James und Marilyn Leewar ein ruhiges, strebsames und intelligentes Mädchen. Für den älteren Bruder Nathan steht fest, dass der gutaussehende Jack an Lydias Tod Schuld hat. Marilyn, die ehrgeizige Mutter, geht manisch auf Spurensuche. James, Sohn chinesischer Einwanderer, bricht vor Trauer um die Tochter das Herz. Allein die stille Hannah ahnt etwas von den Problemen der großen Schwester. Was bedeutet es, sein Leben in die Hand zu nehmen? Welche Kraft hat all das Ungesagte, das Menschen oft in einem privaten Abgrund gefangen hält? Nur der Leser erfährt am Ende, was sich in jener Nacht wirklich ereignet hat.

 

Cover und Titel

Beim ersten Blick auf das Cover musste ich sofort an einen Thriller denken. Obwohl eigentlich nichts Bedrohliches dargestellt wird, sondern nur Gras/Schilf und Himmel, hat die Perspektive aus der dieses dargestellt ist, nämlich von unten und in Schwarz-Weiß-Tönen, irgendwie etwas Düsteres an sich. Auch wenn es sich bei „Was ich euch nicht nicht erzählte“ nicht um einen Thriller handelt, halte ich dieses Cover für sehr gelungen, weil es auf einen bestimmten Aspekt im Buch hinweist. Definitiv macht es zusammen mit dem Titel, bei dem man natürlich unweigerlich das Bedürfnis hat, herauszufinden, was es denn ist, was nicht erzählt wurde, neugierig.

 

Mein Eindruck

Bei diesem Cover und einem ersten Satz, der „Lydia ist tot.“ lautet, vermutet man hinter den Buchdeckeln zunächst einen Thriller. Wer mit diesen Erwartungen an „Was ich euch nicht erzählte“ herangeht, wird vermutlicht enttäuscht werden, denn diese Geschichte ist eher handlungsarm und weit entfernt von einem spannenden Thriller. Spannend ist der Roman aber trotzdem, weil Celeste Ng auf subtile Weise zeigt welche Folgen unausgesprochene Worte haben können.

In ihrem Familienporträt erzählt die Autorin mit leisen Tönen wie eine scheinbar glückliche Familienidylle nach und nach feine Risse bekommt. Dabei werden während des Erzählens immer wieder die Perspektiven gewechselt, was manchmal kurz etwas verwirrend, letztlich aber nach wenigen Sätzen immer gut nachvollziehbar war. Auch gibt es immer wieder Rückblenden, die in die Geschichte nahtlos einfließen und nicht als solche angezeigt sind. Aber auch diesen konnte ich immer gut folgen. Damit beweist Celeste Ng einmal mehr ihr großartiges Erzähltalent. Der auktoriale Erzähler schafft anders als der sonst so inflationär gebrauchte Ich-Erzähler eine Distanz zur Geschichte, die dieser unheimlich gut tut.

Obwohl in diesem Roman Themen wie Harvard, Professoren-Karriere oder der Aufstiege einer Immigranten-Familie eine Rolle spielen, ist „Was ich euch nicht erzählte“ frei von Pathos oder Klischees. Es ist keine typische „Wir leben den amerikanischen Traum“-Geschichte, sondern viel mehr ein Gegenentwurf dazu, der vermutlich genau deshalb so authentisch wirkt. Es geht vielmehr um Mitglieder einer Familie, die – jeder für sich – Probleme haben, die sie aber aus Rücksicht auf die anderen nicht aussprechen. Würde nur einer mal sagen, was er wirklich denkt, wäre es nicht so weit gekommen. Aber stattdessen schaukelt sich das Ganze latent immer weiter hoch und gipfelt dann in einer Tragödie. Obwohl es keine höchst dramatischen Szenen gibt und auch recht wenig wörtliche Rede (es geht ja eben um das Unausgesprochene), hat mich diese Geschichte sehr bewegt und emotional berührt.

Es ist fast unmöglich auf gerade einmal 288 Seiten eine derart komplexes, in sich stimmiges und authentisches Familienporträt zu entwerfen und trotzdem gelingt es Celeste Ng meisterlich. Man könnte mutmaßen, dass sie ihren eigenen familiären Hintergrund (es gibt da gewisse Parallelen zur Geschichte) mit in die Geschichte hat einfließen lassen – anders kann ich mir diese schon fast unheimliche Echtheit des Erzählten nicht erklären.

 

Mein Fazit:
„Was ich euch nicht erzählte“ ist ein wahrer Schatz am Bücherhimmel. Celeste Ng erzählt die Geschichte einer scheinbar gewöhnlichen Familie mit subtiler Spannung, brillianten Worten und viel Feingefühl. Ganz klare Leseempfehlung für alle, die Wert auf einen außergewöhnlich brillianten Erzählstil legen und ein Roman suchen, der aus dem Einheitsbrei hervorsticht.
 bewertung5

 

 Vielen Dank an dtv für dieses Rezensionsexemplar.

 

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