|Rezension| Vom Ende der Einsamkeit – Benedict Wells

Beeindruckende und wortgewaltige Geschichte über zwei einsame Protagonisten

 

41hudCmGVOLVerlag: Diogenes
Gebundene Ausgabe: 22,00 Euro
Hörbuch: 24,99 Euro
Erscheinungsdatum: 24.02.2016
368 Seiten
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„Was ich inzwischen jedoch am meisten an Alva schätztem war ihre Behutsamkeit. Es war, als wäre das Wort für sie erfunden worden. Sie war behutsam beim Umtopfen einer Pflanze, beim Formulieren eines Gedankens, wenn sie ihrem Mann zärtlich über den Nacken strich, beim Schreiben eines Briefs oder beim Decken des Tischs, wo sie Besteck, Teller und Gläser stets exakt platzierte. Als wolle sie nichts mehr dem Zufall überlassen.“ (S. 220)

 

Worum geht´s?

‚Eine schwierige Kindheit ist wie ein unsichtbarer Feind: Man weiß nie, wann er zuschlagen wird.‘
Jules und seine beiden Geschwister wachsen behütet auf, bis ihre Eltern bei einem Unfall ums Leben kommen. Als Erwachsene glauben sie, diesen Schicksalsschlag überwunden zu haben. Doch dann holt sie die Vergangenheit wieder ein.
Ein berührender Roman über das Überwinden von Verlust und Einsamkeit und über die Frage, was in einem Menschen unveränderlich ist. Und vor allem: eine große Liebesgeschichte.

 

Cover und Titel

Auch wenn ich aufgrund ihrer schlichten Aufmachung generell ein Fan der Bücher des Diogenes Verlags bin, würde mich dieses Cover rein gar nicht ansprechen, wenn da nicht in schwarzen Lettern der Name Benedict Wells und dieser großartige Titel stehen würden. Die Zeichnung eines offensichtlichen Liebespaares wirkt auf mich altbacken und deshalb nicht besonders anziehend. Dies ist tatsächlich einer der wenigen Romane, bei denen mir das Cover mehr oder weniger egal war, eben weil der Autor und dessen guter Ruf ihm voraus eilen.

Der Titel „Vom Ende der Einsamkeit“ hingegen ist ein absoluter Volltreffer. Er hat mich sofort angesprochen, weil er so schön poetisch klingt ohne schnulzig zu wirken. Nach der Lektüre des Romans muss ich feststellen: Es hätte keinen anderen Titel geben dürfen. Diese vier Wörter sagen so viel über die Geschichte aus, wie es kaum ein anderer Buchtitel vermag. Großartig!

 

Mein Eindruck

Dieser Roman wurde nicht nur vom Verlag, sondern auch von verschiedenen Feuilletons und namenhaften Bloggern hoch gelobt, so dass ich neugierig darauf wurde. Nach so vielen positiven Kritiken nahm ich mir diesen Roman mit recht hohen Erwartungen zur Hand und fragte mich nach den ersten 50 Seiten wie sich diese Lobeshymnen rechtfertigen.

Sprachlich überzeugt „Vom Ende der Einsamkeit“ von Anfang an. Kennt man Benedict Wells nicht, würde man bei dieser ausgefeilten, intelligenten Sprache hinter diesem Pseudonym einen älteren Herren vermuten, der sich seit Jahrzehnten mit der deutschen Sprache beschäftigt. Wells ist aber gerade mal 32 Jahre alt, was man seiner Art sich Auszudrücken ganz und gar nicht anmerkt. Seine Sprache ist aber keinesfalls altklug oder behäbig, sondern vielmehr sehr präzise und fließend. Überzeugendstes Argument für die wunderschöne Sprache: etwa 20 Post its in meinem Buch, die beeindruckende Textstellen markieren.

Die Geschichte braucht ein wenig bis sie an Fahrt aufnimmt. Genauer gesagt wurde sie für mich dann interessant als die Liebesgeschichte ins Zentrum des Plots rückt, was in etwa nach 100 Seiten der Fall ist. Das was der Geschichte am Anfang fehlt, macht sie ab dann wieder wett, weil sie einen derartigen Sog entwickelt, dass man das Buch kaum noch aus der Hand legen möchte. Jules ist ein interessanter, ambivalenter Protagonist und kein stereotyper Charakter. Im Roman werden etwa 40 Jahre seines Lebens und damit auch ganz verschiedene Lebensphasen erzählt, in denen sich sein Charakter entwickelt und verändert. Der rote Faden ist dabei die schon im Titel thematisierte Empfindung: Einsamkeit und deren Facetten. Denn auch für Alva, die weibliche Hauptrolle, ist Einsamkeit ein zentrales Thema, allerdings aus anderen Gründen als bei Jules. Dieser Aspekt macht die Liebesgeschichte beider nicht nur spannend sondern vor allem originell.

Aber auch an Emotionalität hat Wells einiges zu bieten ohne dabei je ins Kitschige abzudriften. Wer bei einer Liebesgeschichte auf ausufernde Liebesschwüre und Bettszenen hofft, wird hier vollends enttäuscht. Es sind eher die leisen Töne und das Ungesagte, die die Geschichte von Alva und Jules ihre Dramatik und Emotionalität verleihen.

Doch dieser Roman ist nicht nur eine Liebesgeschichte, sondern mindestens in gleichen Teilen auch eine Familiengeschichte. Jules Geschwister Marty und Liz sind stets präsent und spielen ebenfalls entscheidende Rollen. Der Schicksalsschlag in ihrer Kindheit wirkt sich auf jeden der drei Geschwister unterschiedlich aus, was es so faszinierend macht, die drei auf ihrem weiteren Lebensweg zu begleiten. Dabei verzichtet Wells auf eine stringente Handlung und wechselt immer wieder zwischen Erinnerungen an die Vergangenheit und der Gegenwart, wodurch der Leser gefordert, aber nicht überfordert wird.

Das Ende des Romans mag für den ein oder anderen Leser vielleicht unbefriedigend sein; ich fand es perfekt. Es beschreibt genau das, was der Titel aussagt: Das Ende der Einsamkeit, ohne dabei pathetisch, kitschig oder unglaubwürdig zu sein. Es ist ein würdiger Abschluss dieser tiefgründigen und aufwühlenden Geschichte.

 

Mein Fazit: „Vom Ende der Einsamkeit“ ist ein wortgewaltiger und kluger Roman, in dem Wells uns mittels einer Familien- und Liebesgeschichte vermittelt, welche Formen der Einsamkeit es gibt und wie unterschiedlich verschiedene Charaktere mit ihr umgehen bzw. Wege suchen, diese zu bekämpfen. Er zeigt an verschiedenen Beispielen auf wie ein Schicksalsschlag in der Kindheit unser weiteres Leben verändern kann und schafft es durch diesen originellen Plot und die beeindruckende Art zu Erzählen, dass diese Geschichte im Kopf und Herzen des Lesers lange nachwirkt. Damit ist eins klar: Manchmal hat der Hype um einen Roman auch seine Berechtigung 🙂 Unbedingt lesen!

 

bewertung5

 

Vielen Dank an den Diogenes Verlag für dieses Rezensionsexemplar.

 

Weitere Rezensionen zum Buch:
  • Andrea

    Macht total Lust auf den Autor und das Buch, Deine Rezension. Ich hab es gleich zu meiner Wunschliste hinzugefügt. 🙂
    Ich finde auch toll dass Du andere Rezensionen zum Buch verlinkst. Das ist so nützlich für die Leser! Wäre es OK für Dich, wenn ich mir die Idee für meinen Blog übernehme?

    • booksinmyworld

      Liebe Andrea,
      oh, das freut mich, dass ich dir Lust auf das Buch machen konnte. Das ist schließlich auch Sinn und Zweck der Sache 🙂
      Aber klar, kannst du die Idee auch für deinen Blog übernehmen. Vernetzung unter Bloggern ist meiner Meinung nach total wichtig. Also nur zu 🙂

      Liebe Grüße
      Evi

  • Katja

    Ich stimme Dir in allen Teilen zu – auch wenn ich ganz unbefangen an den Roman ging und ihn probierte, weil die Leseprobe so verlockend war und der Titel vollkommen poetisch – ganz wie Du es schreibst, liebe Freundin 🙂 Herzlichste Grüße aus Berlin

    • booksinmyworld

      Ich bin ja schon gespannt auf das erste Buch, bei dem unsere Meinungen komplett auseinander gehen 🙂 Meinst du das existiert überhaupt?

      Liebste Grüße
      deine Evi

  • VERStand. Versmädchen & Silber

    Die positiven Rezensionen zu diesem Buch verlocken doch sehr. Meinetwegen könnten mehr junge Autoren so großartige Bücher schreiben. Es gibt interessanterweise viele tolle Autoren, die 1984 wie Benedict Wells als ihr Geburtsjahr haben. Gerade entdeckt habe ich das Robert Gwisdeck und vor längerem Olga Grjasnowa. 🙂
    Meine erste Wells-Lektüre war „Becks letzter Sommer“, der man durchaus ein paar unperfekte Züge anmerkt, aber insgesamt gefiel mir das Buch sehr sehr gut. Mit seinen Folgeromanen möchte ich gern fortsetzen. Also danke für das stete Erinnern an dieses [vermutlich] sehr tolle Buch. ^-^
    Eine schöne Rezension, die deiner Liebe zu dem Buch sehr gerecht wird.
    [Diogenes-Coverbilder habe ich auch noch nie so recht verstanden ;].
    Und liebe Grüße!

    • booksinmyworld

      Hallo,

      ganz lieben Dank für deinen Beitrag, der mich nicht nur aufgrund deiner lobenden Worte freut, sondern vor allem auch aufgrund deiner Jungautoren-Tipps, die ich jetzt erstmal stalken muss. Ich finde es absolut bewundernswert dass so ein junger Mensch eben keine herkömmliche Liebesgeschichte bzw. einen Jugendroman schreibt (was ja aufgrund der Erfahrungswerte des Autors naheliegen würde), sondern so eine perfekt konstruierte, komplexe Geschichte.
      Die vorherigen Wells Bücher stehen nun alle auf meiner Wunschliste. Allen voran „Becks letzter Sommer“. Insofern freue ich über deine Empfehlung 🙂

      Liebe Grüße
      Evi

  • Liebste Evi,
    ach das freut mich gerade total, dass dir das Buch auch so gut gefallen hat! 🙂

    Ich wünsche dir einen schönen Tag!
    Liebe Grüße,
    Ramona

    • booksinmyworld

      Liebste Ramona,

      oh wie lieb von dir! Ja, es war echt einfach nur beeindruckend. Sowohl Sprache als auch Plot. Ich hatte wirklich ein bisschen Angst davor es zu lesen, aber es hat sich zu 100% gelohnt. Danke auch nochmal für deine begeisterten Worte zum Buch, die mich letztlich dazu bewogen haben, es anzufangen.

      Auch dir einen schönen, sonnigen Tag!
      Liebe Grüße
      Evi

      • Ach Evi, du machst mich ganz verlegen!
        Ich freue mich einfach nur, dass du dich dem Hype anschließen konntest.
        Das ist ja nicht immer begründet.
        Ramona
        Ramona
        Ramona