|Rezension| Untreue – Paulo Coelho

Ein 67-jähriger Mann schreibt authentisch über die Gefühle einer 31-jährigen Frau

 

copyright: Diogenes

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Verlag: Diogenes
Taschenbuch: 19,90 Euro
Ebook: 17,99 Euro
Erscheinungsdatum: 24.09.2014
320 Seiten
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„Es lohnt sich immer, für eine Liebe zu kämpfen, selbst wenn sie nicht erwidert wird. Es mag nicht besonders lustig sein. Es mag in unseren Herzen tiefe Wunden hinterlassen. Dennoch lohnt es sich, zumal für jemanden wie mich, die Angst hat, Risiken einzugehen, und jegliche Form der Veränderung scheut, wenn sie sie nicht unter Kontrolle hat.“ (S. 69)

 

„Mit jedem Schritt, den ich auf ihn zugehe, fällt eine weitere Schranke, eine weitere Schutzmauer, und mein dahinter verschanztes Herz wird von der Herbstsonne erfasst und erfreut sich daran.“ (S. 95)

 

„Und wir tragen immer ein Lächeln im Gesicht und haben immer ein ermutigendes Wort auf den Lippen, weil niemand dem anderen die Einsamkeit erklären kann, vor allem dann nicht, wenn man nicht allein ist. Aber diese Einsamkeit gibt es, und sie zersetzt das Beste in uns, weil wir all unsere Energie dazu brauchen, glücklich zu erscheinen, obwohl wir uns selber nichts vormachen können. Aber wir beharren darauf, nur die Rose zu zeigen, die sich jeden Morgen öffnet, und die Stiele mit den Dornen in uns zu verbergen, die uns verletzen und uns blutende Wunden zufügen. “ (S. 124)

Worum geht´s?

Kann das Leben mit dreißig schon vorbei sein? Linda hat alles: Erfolg als Journalistin, einen liebenden Ehemann, Kinder. Doch das Entscheidende fehlt. Auf der Suche nach echter Erfüllung flieht die junge Frau aus ihrer äußerlich perfekten Welt und stürzt sich in eine Affäre mit einem Jugendfreund. Ein erotisches Abenteuer, in dem sie ihre inneren Abgründe kennenlernen muss, um ihre Seele neu zu finden. Denn: Wenn du nicht geliebt hast, hast du nicht gelebt!

 

Cover und Titel

Mit seinem Titel „Untreue“ hat Coelho mich neugierig gemacht, weil er untypisch für den Autor ist, dessen Titel doch eigentlich immer etwas kryptisch sind (11 Minuten, Veronika beschließt zu sterben, …). Bei „Untreue“ ist jedoch sofort klar, worum es geht, nämlich um eben diese. Coelho erzählt die Geschichte einer Affäre, die er dieses Mal nicht hinter einem kryptischen Titel versteckt, sondern mit einem provokanten Titel neugierig macht.
Das Cover ist wie alle Diogenes-Cover schlicht, allerdings allein durch die abgebildeten drei (!) roten Kirschen sehr aussagekräftig, da allgemein bekannt ist, dass sie neben dem Apfel das Symbol der Versuchung schlechthin sind und die Anzahl schon andeutet, dass es im Roman um eine Dreiecks-Beziehung geht.

Mein Eindruck

Ich habe ein zwiespältiges Verhältnis zu Coelhos Romanen. Einige finde ich so gut, dass sie für mich zu den besten Büchern gehören, die ich je gelesen habe (11 Minuten, Veronika beschließt zu sterben), mit anderen konnte ich überhaupt nichts anfangen (Der Zahir, Der Alchemist). Der Titel des neuen Buches hatte mich nun wieder neugierig gemacht und die Inhaltsbeschreibung noch mehr.
Seine Protagonistin Linda hat mich von der ersten Seite an fasziniert. Sie ist der Prototyp der Anfang-30-Jährigen gut situierten Frau, die augenscheinlich alles hat, was man für ein glückliches Leben braucht: ein Mann, der sie liebt, zwei gesunde Kinder, ein Job, der ihr Spaß macht und ein sattes Polster auf dem Konto. Und trotzdem ist sie unglücklich, sucht nach Auswegen aus ihrem emotionalen Tief und findet diesen in ihrer Jugendliebe, ein verheirateter Genfer Lokalpolitiker. Mit der Thematisierung der Frage „War das alles?“ trifft Coelho den Nerv der Zeit. Wie viele Menschen haben sich diese Frage wohl schon selbst gestellt? Sollte man seine mühselige aufgebaute Komfortzone aufgeben für ein Abenteuer? Oder kann man nicht vielleicht beides haben? Kann man durch Untreue sich selbst wieder treu werden? Muss Liebe immer mit Leidenschaft verbunden sein? Gibt es Leidenschaft ohne Liebe?
Coelhos Schreibstil ist – wie in all seinen anderen Romanen auch – ehrlich, klar und direkt, was mir wirklich gut gefällt. Die Emotionen der Protagonistin werden durch den Erzählstil authentisch transportiert. Man spürt ihre Zweifel, ihre Ängste und ihre Unzufriedenheit. Das ist überhaupt für mich das herausragende Merkmal dieses Romans: Auf faszinierende Art schafft es ein 67-jähriger Mann sich bis ins kleinste Detail in das Innenleben einer 31-jährigen Frau hineinzuversetzen. Beim Lesen hat man nicht einmal das Gefühl, das Buch eines Mannes zu lesen und das finde ich durchaus bemerkenswert.
Hervorheben möchte ich auch noch das Bild Genfs, welches Coelho in „Untreue“ entwickelt- seine Protagonistin reflektiert oft „ihre“ Stadt und die Menschen, die darin leben, so dass am Ende ein interessantes Spiegelbild der schweizer Gesellschaft entsteht.
Coelho ist bekannt für die philosophisch, spirituellen und esoterischen Ansätze in seinen Romanen. Während diese Passagen gerade nach den nüchternen und fast schon provokanten erotischen Szenen eine spannende Abwechslung bieten, ist es für meinen Geschmack vor allem zum Schluss zu viel des Guten. Überhaupt ist das Ende insgesamt zu sehr aus der Luft gegriffen und damit unglaubwürdig. Lindas Probleme lösen sich im wahrsten Sinne des Wortes in Luft auf.

Mein Fazit: Coelhos neuer Roman besticht durch die schonungslose Offenheit einer authentischen Protagonistin, die versucht eine Antwort auf die Frage „War das alles in meinem Leben?“ zu finden.  Mich hat vor allem die erste Hälfte des Romans begeistern können, die zweite war für meinen Geschmack zu spirtuell bzw. moralisierend, das Ende unbefriedigend. Trotzdem war die Lektüre alles andere als Zeitverschwendung, weil der Autor viele tiefsinnige Fragen aufwirft, die im Leser noch lange nachwirken.

Bewertung3

Ein herzliches Dankeschön an vorablesen.de und den Diogenes Verlag für dieses Rezensionsexemplar!