|Rezension| Seltene Affären – Thommie Bayer

Schwache Geschichte stark erzählt

 

51ydkij147lVerlag: Piper
Gebundene Ausgabe: 18,00 Euro
Ebook: 15,99 Euro
Hörbuch: 13,99 Euro
Erscheinungsdatum: 01.08.2016
192 Seiten

„Ich bin froh, diese biochemische Heimsuchung weitgehend hinter mir zu haben. Meine seltenen Affären reichen mir, die Phasen des Alleinseins dazwischen werden immer länger, und ich ertrage sie immer gelassener, weil mir klar geworden ist, dass die Chance auf ein Liebesleben, das mehr wäre als nur erotische Anziehung und Ermattung, vor langer Zeit einmal, ein einziges Mal, vor mir gelegen hatte. Und seither niemals wieder. Alles danach war Rückzugsgefecht, Ersatz, Echo oder schlechte Kopie.“ (S.10)

img_9425

Worum geht´s?

Von Montag bis Donnerstag führt Peter Vorden ein Feinschmecker-Restaurant in Lothringen. Danach beginnt sein richtiges Leben. Denn dann zieht Vorden sich zurück in seine deutsche Wohnung und schreibt Kurzgeschichten. Er tut es für seinen erfolgreichen Bruder Paul, den Schriftsteller, dem er damit immer wieder aus der Klemme hilft. Paul ist sein Zwillingsbruder und hat vor vielen Jahren Anne geheiratet, die einzige Frau, die für Peter je infrage kam. Seither lebt Peter mit Affären – und ahnt doch, dass er den großen Konflikt in seinem Leben endlich lösen muss. – Thommie Bayer erzählt die Geschichte eines ungewöhnlichen Doppellebens und stellt die spannende Frage, was es heißt, aus Anstand auf die große Liebe verzichten.

 

Cover und Titel

Cover und Titel dieses Romans bilden optisch eine schöne Einheit. Die Farben der Lettern des Titels finden sich im Hintergrundmotiv wieder, was mir gut gefällt. Der Titel „Seltene Affären“ macht neugierig und fällt definitiv auf zwischen all den aktuellen Büchern der Gegenwartsliteratur. Das Covermotiv zeigt einen rasenden Zug auf einer Brücke und hat mit der Geschichte an sich nichts zu tun. Er ist eher symbolisch zu verstehen.

 

Mein Eindruck

Bisher haben mich ausnahmlos alle von Thommie Bayer veröffentlichten Romane angesprochen. Gelesen hatte ich – warum auch immer – trotzdem noch keinen. Aufgrund der Tatsache, dass Thommie Bayer immer über Themen schreibt, die mich interessieren, musste ich den Bann mit „Seltene Affären“ brechen.

 

Sein Schreibstil konnte mich gleich zu Beginn überzeugen. Er zeichnet sich durch einerseits durch eine durchgängige Leichtigkeit (und damit leichte Lesbarkeit) aus und andererseits dadurch, dass vieles ungesagt bleibt und man zwischen den Zeilen lesen muss. Insgesamt sind es die leisen Töne, die „Selten Affären“ ausmachen.

 

Der Klappentext verspricht die Geschichte einer unglücklichen Liebe. Dieser Aspekt kam mir gerade in der ersten Hälfte zu kurz. Natürlich muss sich der Plot erst allmählich entfalten, aber die Fokussierung auf die Putzfrau des Protagonisten und dessen Träume von eben jener hat mich irgendwie verstört. Mir fehlte nicht nur der Bezug zum Klappentext sondern auch die Authentizität. Thommie Bayer bewegt sich zwischen Realität und Fantasie und genau das ist leider so gar nicht mein Ding. Aber nicht nur der „fantastische“ Aspekt an sich hat mich gestört, sondern auch die Tatsache, dass ein über 60-Jähriger Mann erotische Fantasien von seiner etwa 30-Jährigen Putzfrau hat. Trotz der Tatsache, dass der Protagonist eben jenes selbst immer wieder hinterfragt, blieb für mich stets ein fader Beigeschmack.

 

In anderen Besprechungen hatte ich gelesen, dass dieser Roman auf seinen Vorgänger aufbaut bzw. eine Ergänzung dazu darstellt. Möglicherweise kam ich auch deshalb nicht richtig in die Geschichte rein, weil mir das Vorwissen fehlt.

 

Die zweite Hälfte des Romans, in dem der Fokus auf Peters unglücklicher Liebe zur Frau seines Zwillingsbruders liegt, hat mir wesentlich besser gefallen. Mittels Rückblenden nimmt Thommie Bayer den Leser mit auf eine Reise in Peters Vergangenheit, beleuchter seine enge Beziehung zu seinem Bruder Paul und vor allem seine tiefen Gefühle für Pauls Frau Anne. Er geht sehr sensibel mit den Gefühlen seiner Protagonisten um und überrascht den Leser trotz Verzicht auf große Dramen und Tragödien immer wieder mit kleinen Details.
Mein Fazit:

Thommie Bayer konnte mich mit „Seltene Affären“ von seinem unaufgeregten, intelligenten Schreibstil überzeugen. Die Story an sich hat durch das Spiel mit Realität und Fantasie leider an Authentizität eingebüßt und war deshalb nicht mein Fall. Obwohl ich die zweite Hälfte des Romans, die sich mit der im Klappentext erwähnten unerfüllten Liebes des Protagonisten zur Frau seines Bruder beschäftig, als wirklich gelungen empfand, hat mich der Roman insgesamt letztlich nicht überzeugt.

 

 Bewertung3

 

Vielen Dank an den Piper Verlag für dieses Rezensionsexemplar.