|Rezension| Sehr geehrter Herr M. – Herman Koch

Mein 1. Herman Koch und wohl nicht mein letzter!

 

 

51GGCIGRXKLVerlag: Kiepenheuer & Witsch
Gebundene Ausgabe: 19,99 Euro
Ebook: 17,99 Euro
Erscheinungsdatum: 05.03.2015
400 Seiten
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„Menschen reden am liebsten über gar nichts, das ist seit Tausenden von Jahren so, und zwar zu allseitiger Zufriedenheit. E-Mails und Textnachrichten will ich hier gar nicht erst erwähnen. Sie erleichtern den Kontakt wie Abführmittel den Stuhlgang. Aber wer zu viel davon Gebrauch macht, produziert bekanntlich nur noch Dünnschiss.“ (S. 65)

Worum geht´s?

Der früher allseits gefeierte Autor M. bekommt Post von einem Leser. Post mit drohendem Unterton. Der Absender habe wichtige Informationen für ihn. M. hatte seinen größten Erfolg vor vielen Jahren mit einem Roman, der auf einem wahren Fall beruhte: Er schrieb einen Thriller über das ungeklärte Verschwinden eines Lehrers, ein Fall, der damals landesweit Schlagzeilen machte. Dieser Geschichtslehrer hatte eine kurze Affäre mit einer bildhübschen Schülerin und wurde zuletzt gesichtet, als er die Gymnasiastin und ihren neuen Freund in einem Ferienhaus im Süden Hollands aufsuchte. Die literarische Umsetzung dieses Kriminalfalls hat M.seinerzeit berühmt gemacht,doch heute ist sein Stern gesunken. Geradezu brennend aber interessiert sich neuerdings M.s geheimnisvoller Nachbar für ihn. Was hat der Nachbar mit der jahrelang zurückliegenden Geschichte zu tun? Was führt er im Schilde? Herman Kochs neuer Roman spielt auf vielen Ebenen: Er erzählt die Geschichte einer ungewöhnlichen Jugendliebe, taucht ein in den Mikrokosmos Schule (ein Haifischbecken!) und führt in die Kulturszene Amsterdams (erst recht ein Haifischbecken!). Spannend wie ein Thriller, ist der Roman zugleich eine hochraffinierte Meditation über das Verhältnis von Wirklichkeit und Fiktion. Ein echter Herman Koch!

 

Cover und Titel

Bei diesem Buch war es definitiv das Cover, welches mich auf neugierig auf den Inhalt des Buches gemacht hat. Interessanterweise weicht es von den bisherigen Covern der bei KiWi erschienen Bücher des Autors wesentlich ab – in meinem Fall scheint das die richtige Taktik der Marketingabteilung gewesen zu sein, denn bisher habe ich noch nichts von Herman Koch gelesen. Aber dieser Packpaier-Umschlag in Kombination mit dem auffälligen M und dem Titel „Sehr geehrer Herr M.“ (der im Übrigen aus dem Niederländischen übernommen wurde), legt nahe, dass der Plot irgendetwas mit Briefen zu tun hat, was meine Neugierde geweckt hat.

 

Mein Eindruck

Das Wichtigste zuerst: Man, ist das ein abgefahrener Roman! Vermutlich empfindet man „Sehr geehrter Herr M.“ nicht ganz so speziell, wenn man bereits etwas von Herman Koch gelesen hat. Aber da es für mich die erste literarische Begegnung mit diesem Autor war,  bewegte ich mich beim Lesen die ganze Zeit zwischen Verwirrung, Staunen, Amüsiertheit und Spannung.

 

Der Roman ist allein durch seinen Aufbau ein einziges Verwirrspiel: mehrere Perspektivwechsel, Zeitsprünge zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit vor 40 Jahren und noch dazu gleichnamige Protagonisten, die auch noch wie der eigentliche Autor, demnach Herman, heißen (die perfekte Möglichkeit, ein paar autobiografische Happen in dieser Geschichte zu verarbeiten). Trotz all dieser „Hürden“, die sich im Verlauf der Geschichte immer mehr steigern (die Perspektiven und Zeiten wechseln öfter hin und her), die ich aber nur selten als solche, meistens doch eher als Raffinessen empfunden habe, verlor ich nie den Überblick oder die Lust, dem Verwirrspiel zu folgen. Und allein dafür muss man Herman Koch den allergrößten Respekt zollen: Wie er es schafft, den Leser trotz der Komplexität des Werkes förmlich durch dieses Buch zu „jagen“, ist einfach genial.

 

Worum es in der Geschichte geht, ist in der Inhaltsbeschreibung gut zusammengefasst: Vor 40 Jahren ist ein Lehrer auf mysteriöse Art und Weise verschwunden. Die Vorgeschichte legt nahe, dass daran ein Schülerpaar nicht ganz unschuldig ist. Herr M. schreibt einen Roman über eben jene Geschichte, die damals überall in den Medien war und wird Jahre später in einem anonymen Brief u.a. auf diese Geschichte angesprochen. Der Leser erfährt nach und nach nicht nur mehr über den ominösen Briefeschreiber, sondern auch über den Schriftsteller und über die Umstände des Verschwindens des Lehrers vor 40 Jahren. Alles in allem also ein sehr komplexer Plot, der thrillerhafte Züge hat und zusätzlich durch jede Menge Selbstreflexion gespickt wird.

 

Koch hält nicht nur fast schon satirisch dem Literaturbetrieb meisterlich den Spiegel vor, philosophiert über die Ansprüche des Lesers, die Eigenheiten von Schriftstellern, etc. sondern bietet zudem einen kritischen Einblick in die Schullandschaft, auf das Verhältnis der Schüler untereinander, das Lehrer-Schüler-Verhältnis und die Probleme eines Kindes im Elternhaus. Während ich die Passagen über den Literaturbetrieb aufgrund ihres Wahrheitsgehaltes ausnahmslos komisch fand, war der Einblick in die Schullandschaft eher ernsthaft und erschreckend – damit ruft der Autor die verschiedensten Emotionen beim Lesen hervor.

 

Mein Fazit: „Sehr geehrter Herr M.“ ist ein meisterlich konstruierter Roman in einem intelligenten, ansprechenden Schreibstil, der spannend ist wie ein Thriller und unterhaltsam wie eine Komödie. Es ist schwer in Worte zu fassen, was diesen Roman so besonders macht. Lest ihn einfach! Definitiv war dies nicht mein letzter Roman von Herman Koch.

bewertung5

Vielen Dank an Kiepenheuer&Witsch für dieses Rezensionsexemplar!

  • Lottas Buecher

    Hallöchen meine liebste Evi,
    na das klingt ja wirklich nach einem wunderbaren Buch. Ich hatte das Buch schon mehrfach in der Hand weil das Cover mich so anspricht und nachdem dir das Buch nun so gut gefallen hat, muss ich es praktisch lesen. 😀 Danke für diese wunderbar mitreißende Rezension, meine Liebe! :*

    Liebst, Lotta