|Rezension| Schmerz – Zeruya Shalev

Ein Buch über die vielen Facetten von Schmerz

Gebundene Ausgabe: 24,00 Euro
Ebook: 19,99 Euro
Erscheinungsdatum: 14.09.2015
368 Seiten
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„(…) wenn es das Richtige ist, braucht man keine Spielchen zu spielen, und wenn es nicht das Richtige ist, hilft auch kein Spiel.“ (S. 131)

Worum geht´s?

Vor zehn Jahren ist Iris bei einem Terroranschlag schwer verletzt worden. Zwar ist sie in ihr altes Leben zurückgekehrt, sie leitet eine Schule, ihr Mann steht ihr treu zur Seite, die Kinder sind fast erwachsen, doch quälen sie Tag für Tag Schmerzen. Als sie Eitan wiederbegegnet, der Liebe ihrer Jugend, der sie vor Jahren jäh verlassen hat, wirft sie das völlig aus der Bahn. Die Wunde, die er ihr damals zufügte, ist nicht weniger tief als die, die der Selbstmordattentäter, der sich neben ihr in die Luft sprengte, riss. Und doch fühlt sich Iris, zaghaft, überrascht, erneut zu ihm hingezogen, ist versucht, ihrer Ehe zu entfliehen, die ersten Lügen zu stricken, alles aufs Spiel zu setzen. Wie in ihrem Weltbestseller »Liebesleben« lotet Zeruya Shalev die Untiefen der Liebe, die Fährnisse einer fatalen Anziehung aus. Die erotische Spannung, die Wucht der unerwartet wieder aufflammenden Leidenschaft sind kompromisslos, ehrlich und tief bewegend erzählt. »Schmerz« ist Zeruya Shalevs persönlichstes Buch, eine emotionale Grenzerfahrung, ein Roman, der bis zur letzten Seite fesselt.

 

Cover und Titel

Bei diesem Buch hat die Marketing-bzw. Grafik-Abteilung des Verlags wieder ganze Arbeit geleistet: Das schlichte Cover in Kombination mit dem Ein-Wort-Titel „Schmerz“ sagt bereits mehr über den Inhalt des Buches aus als es jeder andere umständlich lange Titel imstande wäre.

Das Covermotiv zeigt eine hübsche junge Frau, wobei man auch hier – wie beim Titel – vieles der Fantasie des Lesers überlässt. Die Abbildung zeigt lediglich einen Ausschnitt und ist in schwarz-weiß gehalten, was dem Buch eine leicht bedrückende Ausstrahlung verleiht – passend zum Titel. Ein quietschbuntes Cover wäre hier auch völlig fehl am Platz.

 

Mein Eindruck

Da ich von Zeruya Shalev bereits „Liebesleben“ gelesen habe, wusste ich in etwa, worauf ich mich mit „Schmerz“ einlasse. Die Autorin hat ein einzigartiges Talent scheinbar alltägliche Erlebnisse in besonderen Worten zu erzählen und ihnen eine tiefe Bedeutung zu geben.

So scheint das Grundgerüst dieses Romans eine Geschichte zu sein, die schon tausendfach erzählt wurde: Eine verheiratete Frau mittleren Alters mit zwei fast erwachsenen Kindern trifft nach Jahrzehnten zufällig ihre Jugendliebe wieder und alte Gefühle flammen sofort wieder auf. Sie beginnt ihr bisheriges Leben und ihre Ehe in Frage zu stellen – so weit so bekannt. Zeruya Shalev packt diese Geschichte aber in eine ungewöhnliche Umgebung – nämlich in das von Terroranschlägen geprägte Israel. Einem dieser Terroranschläge ist vor 10 Jahren die Protagonistin Iris zum Opfer gefallen. Die Tatsache, dass sie dabei schwer verletzt wurde und nach wie vor mit den körperlichen und psychischen Folgen zu kämpfen hat, macht sie zu einer interessanten und vielschichtigen Protagonistin, deren Gedanken nie stringent oder vorhersehbar, aber immer nachvollziehbar sind.

Zeruya Shalev gelingt es wie keiner anderen die innere Zerrissenheit, den körperlichen und seelischen Schmerz und die Zweifel ihrer Hauptfigur Ausdruck zu verleihen. In einem zugegebenermaßen sehr gewöhnungsbedürftigen Schreibstil, der kaum Punkte und keine wörtliche Rede kennt, dafür aber unzählige Schachtelsätze bietet, findet sie die passenden Worte, um ihrer Geschichte ein hohes Maß an Authentizität zu verleihen, frei von Klischees und Kitsch. Mit jedem gelesenen Satz spürt man die Leidenschaft der Autorin für diese Geschichte, die den Leser förmlich in einen Rausch versetzt und durch die Seiten fliegen lässt.

Das Ende des Romans ist herausragend: nicht vorhersehbar, abschließend und doch offen, unkitschig und doch auf seine Art romantisch. Es bildet den perfekten Abschluss dieser aufwühlenden Geschichte über die vielen Facetten von Schmerz.

Mein Fazit: In „Schmerz“ erzählt Zeruya Shalev eine Geschichte über das Leben in Israel, Terror, dessen Folgen für die Bevölkerung, aber vor allem über die Bedeutung und Macht der ersten Liebe. Kann eine Ehe Bestand haben, wenn man seine Jugendliebe all die Jahre nicht vergessen hat? Wäre mit ihm nicht alles besser? Macht es Sinn eine Ehe zu beenden für eine Beziehung mit einem Mann, den man eigentlich gar nicht (mehr) kennt? Dieser Roman bietet erhellende Antworten auf all diese Fragen. Absolute Leseempfehlung!

 

bewertung5

 

Vielen Dank an den Berlin Verlag für das Rezensionsexemplar!