|Rezension| Renate Hoffmann – Anne Freytag

Renate Hoffmann ist so viel mehr als ein Allerweltsname!

 

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Verlag: freytag Literatur
Taschenbuch: 9,90 Euro
Ebook: 4,99 Euro
Erscheinungsdatum: 19.09.2013
300 Seiten
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„Denn auch, wenn man es nicht sehen konnte, weil sie atmete und sich bewegte, so war Renate an diesem eisigen Novembertag gestorben und Frau Hoffmann wurde geboren. Sie würde leben, jedoch ohne lebendig zu sein.“ (S.139)

 

Worum geht´s?

Frau Hoffmann beschließt zu sterben. Doch auch das will gut organisiert sein. Das Leben trostlos. Die Lösung naheliegend. Der Sprung vom Balkon. Aber, was so einfach klingt, ist es nicht, denn das Leben schert sich nicht um Renates Selbstmordpläne. Die neue Vorgesetzte, Herberts Briefe oder die Erkenntnis, dass sie noch nie masturbiert hat, halten sie immer wieder davon ab, ihren Plan endlich in die Tat umzusetzen. Renate Hoffmann hatte nicht immer sterben wollen. Es hatte einmal eine Zeit gegeben, in der sie nicht nur am Leben, sondern tatsächlich lebendig gewesen war. Sieben Jahre zuvor schien das Leben noch voller Möglichkeiten. Bis zu jenem verhangenen Tag im November…

Cover und Titel

Der Titel „Renate Hoffmann“ ist ansich ein wenig nichtssagend. Das Einzige, was sich durch den Titel erahnen lässt, ist die Tatsache, dass dieser Roman wohl eine weibliche Protagonistin hat, die nicht mehr ganz jung ist. Versucht man den Titel zum Coverbild in Beziehung zu setzen, steht man vor dem Problem, dass sich die abgebildeten Hände nicht so recht mit dem Bild einer älteren Renate in Verbindung bringen lassen – was daran liegt, dass Renate gar nicht so alt ist wie ihr Vorname vermuten lässt. Die Tatsache, dass diese jungen Hände ein Fernglas halten, ist eine wunderbare Anspielung auf den Inhalt des Buches, die man erst versteht, wenn man diesen kennt.
Betonen möchte ich noch wie schön sich das Cover von „Renate Hoffmann“ in die Reihe der bisher von Anne Freytag veröffentlichen Romane einfügt. Zusammen mit „434 Tage“ und „Irgendwo dazwischen“ bildet es eine wunderschöne Einheit im Bücherregal, obwohl jedes Cover so individuell auf den Inhalt der jeweiligen Geschichte abgestimmt ist.

 

Mein Eindruck

„Renate Hoffmann“ von Anne Freytag stand eine ganze Weile in meinem Bücherregal bevor ich mich gewagt habe es zu lesen. Warum? Ich bin ein großer Fan der Autorin und habe bis auf diesen Roman und „Irgendwo dazwischen“ bisher alles aus der Feder der Autorin und deren diversen Pseudonymen gelesen. Obwohl Anne Freytag als Autorin in verschiedenen Genres unterwegs ist, hat sie es tatsächlich geschafft mich mit jedem einzelnen Buch – egal ob ChickLit, New Adult oder zeitgenössischer Roman – zu begeistern. Nun stellte sie mich mit „Renate Hoffmann“ vor das Problem, dass der Titel mich irgendwie nicht neugierig gemacht hat. Ich hatte Angst vor einer Enttäuschung. Und gleichzeitig wusste ich, dass es nahezu unmöglich ist von dieser Autorin enttäuscht zu werden, da sie mich allein durch ihren Schreibstil immer wieder begeistert.
Um das Wichtigste vorweg zu nehmen: Nein, ich war nicht enttäuscht. Im Gegenteil! Mit diesem Roman gelingt es Anne Freytag erneut mich zu überraschen und mir (sowie den anderen Lesern) wieder eine andere Seite ihres Könnens zu zeigen. Denn dieses Mal geht es eher nebensächlich um die Liebe, vielmehr steht eine Frau im Mittelpunkt, deren jeglicher Lebenswille abhanden gekommen ist. Auch wenn sie nach außen hin vielleicht ein wenig eigenwillig, aber im Grunde doch „normal“ wirkt, gelingt es Anne Freytag durch ihren einfühlsamen Schreibstil die innere Verzweiflung der Protagonistin für den Leser spürbar zu machen. Auffällig ist zu Beginn des Romans, dass die Geschichte nicht nur aus der 3.Person erzählt wird, sondern die Protagonistin auch noch „Frau Hoffmann“ und nicht „Renate“ genannt wird. Diese distanzierte Perspektive passt hervorragend zur neurotischen Hauptfigur. Richtig perfekt wird es denn durch die Verwendung des Vornamens, wenn aus Renate Hoffmanns Vergangenheit berichtet wird.
Dem Leser wird relativ schnell klar, dass irgendein Ereignis aus Renate Frau Hoffmann gemacht hat und natürlich will man unbedingt wissen was dazu geführt hat, dass die Protagonistin mit Anfang 30 nur graue Kostüme trägt, keine Freunde hat und insgesamt ein sehr trostloses Leben führt. Nahezu meisterlich wird der Spannungsbogen bis kurz vor dem Ende aufrecht erhalten. Es ist faszinierend wie eine Geschichte über eine scheinbar gewöhnliche Frau (Sind wir nicht alle ein bisschen Renate?) so spannend zu lesen sein kann. Man ist hin und her gerissen zwischen Ergriffenheit über Renates scheinbar aussichtslose Situation und Schmunzeln über manch ihrer Charakterzüge und damit verbundenen Verhaltensweisen. Fand ich den Titel am Anfang nichtssagend, wurde mir nachdem ich die Geschichte kannte, klar: Es hätte kein anderer Titel den Inhalt dieses Romans besser widerspiegeln können, denn der Fokus des Plots liegt eben auf dem (sich verändernden Charakter) der Renate Hoffmann.
Was ich an diesem Roman besonders mochte, ist seine Authentizität. Jeder Charakter, jede Handlung, jeder Gedanke ist „aus dem Leben gegriffen“. Auch wenn diese Formulierung sehr inflationär verwendet wird – hier ist sie mehr als angebracht. Obwohl der Plot so besonders ist, ist er doch in seinen Elementen Realismus pur.

 

Mein Fazit: Mit „Renate Hoffmann“ überzeugt Anne Freytag wieder auf ganzer Linie, indem sie hier auf gewohnt sprachlich hohem Niveau eine tragikomische Charakterstudie abliefert, die den Leser von der ersten bis zur letzten Seite mitreißt und ihm zudem eine Vielzahl unterschiedlicher Gefühlen entlockt. Eine absolute Leseempfehlung – nicht nur für Fans der Autorin, sondern für alle, die Lust auf eine von den üblichen Plots abweichende, bewegende und realistische Geschichte lesen möchten.

bewertung5

 

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  • Lottas Buecher

    Hallöchen meine liebste Evi,
    ach deine Rezensionen sind einfach immer so gut geschrieben. Die könnten echt direkt von einem gehobenen Literaturkritiker sein. Ich bin immer wieder begeistert, wie gut du alles auf den Punkt bringst und es in deinem Fazit dann zusammenfasst. Unglaublich. Schenk mir was von deinem Talent. Ehrlich jetzt.
    Ich habe dieses Buch von Anne noch nicht gelesen, aber ich werde das auf jeden Fall noch nachholen. Immerhin haben mir ihre anderen, die ich gelesen habe, auch immer gut gefallen. 😀 Ich bin schon wirklich gespannt. 😀

    Liebst, Lotta