|Rezension| Panikherz – Benjamin von Stuckrad-Barre

Einblicke in das Leben eines Drogensüchtigen und eine Liebeserklärung an Udo L.

 

Gebundene Ausgabe: 22,99 Euro
Ebook: 19,99 Euro
Hörbuch: 22,99 Euro
Erscheinungsdatum: 10.03.2016
576 Seiten
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„Vor dem Hotel trafen wir zufällig Wolfgang Joop. Und wenn Udo Lindenberg und Wolfgang Joop nebeneinander auf dem Rodeo Drive stehen und beide gleichzeitig ihre irren Hochgeschwindigkeitsrhetorik-Autopiloten laufen lassen, von Sonnenbrille zu Sonnenbrille, zugewandt und doch komplett aneinander vorbei, direkt vor dem »Pretty Woman«-Hotel – das ist dann ein bisschen zu viel.“ (S. 60f.)

 

Worum geht´s?

Abschied von der Nacht: Benjamin von Stuckrad-Barres Comeback.
Er wollte genau da rein: zu den Helden, in die rauschhaften Nächte – dahin, wo die Musik spielt. Erst hinter und dann auf die Bühne. Unglaublich schnell kam er an, stürzte sich hinein und ging darin fast verloren. Udo Lindenbergs rebellische Märchenlieder prägten und verführten ihn, doch Udo selbst wird Freund und später Retter. Benjamin von Stuckrad-Barre erzählt eine Geschichte, wie man sie sich nicht ausdenken kann: Er wollte den Rockstar-Taumel und das Rockstar-Leben, bekam beides und folgerichtig auch den Rockstar-Absturz. Früher Ruhm, Realitätsverlust, Drogenabhängigkeit. Und nun eine Selbstfindung am dafür unwahrscheinlichsten Ort – im mythenumrankten »Chateau Marmont« in Hollywood, in das ihn Udo führte. Was als Rückzug und Klausur geplant war, erweist sich als Rückkehr ins Schreiben und in ein Leben als Roman. Drumherum tobt der Rausch, der Erzähler bleibt diesmal nüchtern. Schreibend erinnert er sich an seine Träume und Helden – und trifft viele von ihnen wieder. Mit Bret Easton Ellis inspiziert er einen Duschvorhang, er begegnet Westernhagen beim Arzt und Courtney Love in der Raucherecke und geht mit Thomas Gottschalk zum Konzert von Brian Wilson. Andere sind tot und werden doch gegenwärtig, Kurt Cobain, Helmut Dietl.

Stuckrad-Barre erzählt mit seiner eigenen Geschichte zugleich die Geschichte der Popkultur der letzten 20 Jahre. »Panikherz« ist eine Reise in die Nacht, eine Suche nach Wahrheit, eine Rückkehr aus dem Nebel.

 

Cover und Titel

Dies ist definitiv ein Buch, das unter all den Autobiografien, auf denen das Konterfei des Autors prangt, auffällt. Die grellen Farben des Covers kombiniert mit dem Ein-Wort-Titel „Panikherz“ stechen hervor und hätten mich vermutlich auch dann angesprochen, wenn mir Benjamin von Stuckrad-Barre völlig unbekannt wäre.

Dargestellt ist eine bunte nächtliche Straßenszene – die für so vieles aus Stuckrad-Barres Leben stehen könnte. Ich will mich da gar nicht auf eine Interpretation festlegen. Gleiches gilt für den unheimlich gelungenen Titel „Panikherz“, der nicht nur neugierig macht, sondern jeden Udo Lindenberg-Fan aufhorchen lässt.

 

Mein Eindruck

Das Erste worüber ich beim Schreiben dieser Rezension nachdenken musste, nachdem ich nun die Autobiografie von Benjamin von Stuckrad-Barre gelesen habe, ist, was er wohl über all die Rezensionen, die in Zeitungen und im Netz zu seinem Buch kursieren, denkt. Denn wenn man „Panikherz“ gelesen hat, in dem der Autor auf die vergangenen 40 Jahre seines Lebens zurückblickt und sich dabei vor allem seine Schwächen thematisiert, stößt man immer wieder auf eine bestimmte Schwäche: Er will ins Rampenlicht, das aber nicht um jeden Preis.

Ich erinnere mich noch an eine Lesung vor vielen Jahren, in der Stuckrad-Barre erwähnte, dass er gefragt wurde, ob er nicht beim RTL Dschungelcamp mitmachen möchte – und er hat es genau als das aufgefasst, was es auch ist: eine fette Beleidigung, die klar macht, welchen vermeintlichen Status er damals in der Öffentlichkeit hatte.

Worte zu finden, die diesem Werk gerecht werden, ist deshalb so schwierig, weil dieses literarische Comeback des Autors so unglaublich komplex ist, aber ich möchte ein paar – für mich – wichtige Aspekte herausstellen.

Der Einstieg in die Lektüre ist fabelhaft. Der Autor startet mit einer Begebenheit im Jetzt, als er mit Udo Lindenberg auf dem Flughafen in Los Angeles ankommt. Mit dieser Sequenz beweist BvSB gleich zu Beginn, dass sein ausufernder Drogenkonsum, der gute 60% des Buches und wohl 50% seines bisherigen Lebens bestimmt (hat), zwar seine Gesundheit, seine Freundschaften und sein Vermögen ruiniert hat, aber nicht sein Talent zu Schreiben. Mit dieser von ihm gewohnt feinen Beobachtungsgabe und einem witzig-sarkastischen Schreibstil hat man sofort das Gefühl einen seiner früheren Romane zu lesen. Aber der Ton ändert sich und schon bald wird klar, dass „Panikherz“ alles andere als eine witzige Aneinanderreihung von Erlebnissen mit A- und B-Prominenten ist.

Eins muss ich vorweg nehmen: Um Gefallen an diesem Buch zu finden, muss man zum einen Stuckrad-Barre mögen, zum anderen auch einem gewissen Udo Lindenberg gegenüber nicht abgeneigt sein. Vermutlich hat man ansonsten wenig Spaß an den knapp 600 Seiten, auf denen der Autor nicht nur seinen Aufstieg und Fall beschreibt, sondern vor allem auch viele unschöne Details seiner Drogenabhängigkeit und dabei immer wieder Zitate aus Songs von Udo Lindenberg einfließen lässt. Mich hat diese Verbundenheit zur Musik Udo Lindenbergs lediglich überrascht, aber nicht gestört, da ich ihn als Künstler und seine Musik mag.

Man muss als Leser schon etwas Geduld aufbringen, um Stuckrad-Barre durch die letzten 20 Jahre zu folgen. Während ich vor allem den Lebensabschnitt vom Jugendlichen zum gefeierten Autor gern gelesen habe, waren die vielen, vielen Seiten über seinen Drogenkonsum, seine Klinikaufenthalte und Ortswechsel teilweise etwas ermüdend. Auffällig fand ich dabei, dass er zwar exzessiv seine Erfahrungen beim Drogen konsumieren beschreibt, aber die verschiedenen Anläufe einen Entzug durchzuziehen dann auf wenigen Seiten abgehandelt werden. Da liest man nichts davon wie schwierig die Zeit war, wie es ihm dabei körperlich ging, etc.

Auch die Abschnitte, die in der Gegenwart spielen, in der er sich in Los Angeles aufhält und seinen Alltag in der Stadt der Schönen und Reichen schildert, haben mich zwiegespalten zurückgelassen. Einerseits war es höchst interessant wie er das Leben in Hollywood mit seinem gewohntem Sarkasmus auseinandernimmt, andererseits hält er den Leser dabei immer auf Abstand was seine eigene Person betrifft. Ich hätte mir einen tieferen Einblick in seine Gedanken, die ihn selbst betreffen, gewünscht.

Herausragend in diesem Buch ist – wie immer in Stuckrad-Barres Werken – die Rolle der Musik. Der Autor lässt immer wieder einzelne Liedzeilen aus Hits der vergangenen 20 Jahre einfließen und schildert seine Gedanken über und seine Erlebnisse mit verschiedenen Musikern, allen voran natürlich Udo Lindenberg. Wäre diese Autobiografie nur auf Stuckrad-Barres Drogenkonsum fokussiert, wäre sie sehr schwer verdaulich, weil man sich nicht nur einmal denkt „Wie bescheuert bist du eigentlich?“ und eine gewisse Frustration beim Lesen definitiv vorhanden ist. Aber da der Autor immer wieder Bezug auf die Musik und das Leben der Künstler nimmt und außerdem zwischen Vergangenheit und Gegenwart (in der er clean ist) hin und her springt, wird man schnell wieder abgelenkt und milde gestimmt.

 

Mein Fazit: In „Panikherz“ schildert Stuckrad-Barre nicht nur auf sprachlich hohem Niveau den Beginn, Höhepunkt und das vermeintliche Ende seiner Karriere, sondern liefert scheinbar nebenbei noch eine fantastische Udo Lindenberg-Discografie ab sowie einen Überblick über die allgemeine Musiklandschaft der vergangenen 20 Jahre. Seinem gewohnt sprachlich hohem Niveau bleibt er treu, weshalb es sich allein deshalb lohnt, dieses Buch zu lesen.

 

Bewertung4

 

Vielen Dank an Kiepenheuer & Witsch für dieses Rezensionsexemplar.

 

 

  • Lotta

    Hallöchen Evi,
    das Buch hatte ich auf der Buchmesse in der Hand und habe mich noch gefragt, was das wohl für ein Buch ist. xD Irgendwie ist das so gar nichts für mich und ehrlicher Weise hätte ich auch nicht gedacht, dass es was für dich ist. So ist das manchmal. Ich kann mit sprachlich hohem Niveau meist nichts anfangen, auch wenn mich viele wahrscheinlich dafür verteufeln würden, wenn sie das lesen würden, aber egal. Ich habe eben lieber tiefe Gefühle als eine hochtrabende Sprache, bei der ich nachdenken muss wie das jetzt gemeint war. Ich bin so leicht zu beeindrucken.

    Liebst, Lotta