|Rezension| Noch so eine Tatsache über die Welt – Brooke Davis

Witzig – traurig – bezaubernd – Brooke Davis!

 

 

Übersetzer: Ulrike Becker
Originaltitel: Lost and Found
Gebundene Ausgabe: 19,90 Euro
Ebook: 15,99 Euro
Erscheinungsdatum: 01.07.2015
280 Seiten
Kaufen? Taschenbuch oder Ebook
„Sie weiß, dass das Baby da rauskommt, wo man pinkelt, aber davon hat sie noch keine Bilder gesehen. Wenn Millie im Meer schwimmen war, sucht sie ihr Pipi immer genau nach Babys ab. Nur. Für. Alle. Fälle.“ (S. 32)

 

Worum geht´s?

Millie Bird ist sieben, als sie ihr erstes totes Ding findet, Rambo, ihren Hund. Von da an führt sie Buch über alles, was auf der Welt verloren geht: die Stubenfliege. Die Großmutter. Der Weihnachtsbaum. Darauf, dass sie auch ihren Dad in ihr Buch der Toten Dinge eintragen muss, war sie überhaupt nicht vorbereitet, und auch nicht darauf, dass ihre Mom sie im Kaufhaus stehen lässt und nicht wiederkommt. Karl ist siebenundachtzig, als sein Sohn ihn ins Altersheim bringt. Hier wird er nicht bleiben, denkt Karl, als er seinem Sohn nachschaut, und kurz darauf haut er ab. Erst mal ins Kaufhaus, bis sich was Besseres findet. Dort trifft er Millie. Agatha ist zweiundachtzig und geht nicht mehr aus dem Haus, seit ihr Mann gestorben ist. Halb versteckt hinter Gardine und Efeu, sitzt sie am Küchenfenster und beschimpft die Passanten. Bis das kleine Mädchen von gegenüber zurückkommt, allein Von Verlust und Trauer erzählt Brooke Davis in diesem berührenden Roman und zugleich von einem Abenteuer voll furiosem Witz: Wie drei, die unterschiedlicher nicht sein könnten, aufbrechen, um Millies Mutter zu suchen, und dabei zurück ins Leben und die Liebe finden.

 

Cover und Titel

Ich liebe, liebe, liebe, liebe die Optik dieses Romans! Was für ein wunderschönes Cover! Im Fokus des Covers stehen ganz klar Titel und Autorenname, die ähnlich wie bei einem beschrifteten Heft oder Notizbuch wie ein Etikett designt sind. Die Schriftart ist einerseits schlicht, andererseits originell, was mich sofort angesprochen hat. Der dunkelblaue Hintergrund mit weißen Punkten erinnert an einen Sternenhimmel und der Scherenschnitt des kleinen Mädchens am unteren Ende des Coverbildes ist in seiner Dezentheit einfach hinreißend. Es lässt sich nur vermuten, dass hier die 7-jährige Protagonistin des Romans abgebildet ist.

Ein wenig in die Irre geführt hat mich das Format des Buches. Da ich das Coverbild erst im Internet gesehen hatte, dachte ich, dass Buch hätte abgerundete Ecken, was ich noch ein bisschen toller gefunden hätte, aber das ist nur eine optische Täuschung. Darüber will ich mich aber gar nicht beschweren. Insgesamt ist das Cover einfach wundervoll!

Noch ein paar Worte zum Titel: Dieser ist wie der ganze Roman einfach an Originalität kaum zu überbieten. „Noch so eine Tatsache über die Welt“ macht neugierig, passt perfekt zum Inhalt und gefällt mir sogar besser als der Originaltitel „Lost and Found“, der zwar auch passend ist, aber leider den besonderen Charakter des Romans nicht widerspiegelt.

 

Mein Eindruck

Wie soll man diesen Roman beschreiben? Er ist in seiner Originalität kaum zu überbieten und vereint so vieles in sich, dass es mir wirklich schwer fällt, die richtigen Worte zu finden.

Vielleicht fange ich beim Formalen an: Unterteilt ist die Geschichte in Kapitel, die mit dem jeweiligen Namen des Protagonisten, aus dessen Sicht erzählt wird, überschrieben sind. Hierbei handelt es sich um die 7-jährige Millie Bird, ihre Rentner-Nachbarin Agatha und den ebenso alten Karl.

Auffällig war beim Lesen der teilweise abgehackte Schreibstil und die ungewöhnliche Orthografie, die dem Roman eine ganz persönliche Note verleihen. So werden zum Beispiel bestimmte Redewendungen groß geschrieben oder Wörter durch Punkte getrennt, um sie zu beschreiben. Auch der Erzählstil ist alles andere als gewöhnlich. Brooke Davis Figuren sind alle drei sehr außergewöhnlich, mit originellen Eigenheiten, was sich auch im Erzählstil widerspiegelt. Selbst wenn die Kapitel nicht mit dem jeweiligen Namen überschrieben wären, würde man nach kurzer Zeit merken, wessen Perspektive man als Leser gerade einnimmt. Wirklich herausragend und unvergesslich ist die 7-jährige Millie, die mich durch ihre kindliche Neugier und Naivität einerseits und einem sehr pragmatischen Umgang mit bestimmten Themen andererseits mal zum Lachen und mal zu Tränen gerührt hat.

Das zentrale Thema des Romans ist: „Wie wird man alt, ohne zuzulassen, dass es nur noch Traurigkeit gibt?“ (S. 239) – es geht um den Umgang mit dem Verlust eines geliebten Menschen, der hier exemplarisch an drei Charakteren, die ebendies allein eher schlecht als recht meistern, dargestellt wird. Aber es gibt nun mal kein Rezept für den Umgang mit einer solchen Situation und so kommt es, dass der eine sich komplett in seiner eigenen Welt zurückzieht, der andere lässt seine Wut und Trauer an seinen Mitmenschen aus und der nächste akzeptiert die neue Situation schlicht und einfach nicht. Sowohl Millie als auch Karl und Agatha haben durch den Tod des Partners/ des Elternteils ihr Wesen verändert, womit ihr Umfeld nicht umgehen kann. Zusammen begeben sie sich auf einen Roadtrip durch Australien, der sie in absurde, komische, aber auch sehr traurige Situationen katapultiert und man am Ende (das ich im Übrigen für sehr gelungen halte) nicht so recht weiß, ob man jetzt weinen oder lachen soll. Brooke Davis gelingt es auf außergewöhnliche Art und Weise ein schwieriges Thema mit viel Charme, aber trotzdem der notwendigen Ernsthaftigkeit in einem spannenden Plot zu verarbeiten.

 

Mein Fazit: „Noch so eine Tatsache über die Welt“ ist eine berührende und tiefsinnige Geschichte über den Umgang mit dem Tod, die durch ihre Originalität mit nichts zu vergleichen und auch nur schwer zu beschreiben ist. Drei außergewöhnliche Charaktere nehmen den Leser auf einen Roadtrip durch Australien mit, der den Leser gleichermaßen zum Lachen und Weinen bringt und durch einen frischen und originellen Erzählstil besticht. Prädikat: besonders wertvoll!

bewertung5

Vielen Dank an den Antje Kunstmann Verlag für dieses Rezensionsexemplar.

 

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