|Rezension| Nachruf auf den Mond – Nathan Filer

Authentische Einblicke in das Leben eines psychisch Kranken

 

Nachruf auf den MondVerlag: Droemer
Gebundene Ausgabe: 19,99 Euro
Ebook: 17,99 Euro
Erscheinungsdatum: 02.03.2015
320 Seiten
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„Psychische Erkrankungen stülpen einen Menschen von außen nach innen. So sehe ich das. Wir sind die Geiseln unserer Seelenqualen, so wie auch ein gebrochenes Bein oder ein angeschnittener Daumen unsere gesamte Aufmerksamkeit auf sich ziehen und festhalten, bis das gesunde Bein und der unversehrte Daumen scheinbar nicht mehr existieren.“ (S. 277)

 

Worum geht´s?

»Ich werde Ihnen erzählen, was passiert ist, denn bei der Gelegenheit kann ich Ihnen meinen Bruder vorstellen. Er heißt Simon. Ich glaube, Sie werden ihn mögen. Wirklich. Doch in ein paar Seiten wird er tot sein. Danach war er nie mehr derselbe.«

Matthew Homes ist ein begnadeter Erzähler, und Patient der Psychiatrischen Klinik in Bristol. Um dort dem trostlosen Alltag zu entfliehen, schreibt er seine Geschichte auf – und die seines Bruders Simon, der im Alter von elf Jahren während des Campingurlaubs in Cornwall starb. Selbst nach zehn Jahren gibt sich Matthew immer noch die Schuld am Unfalltod seines Bruders. Doch eigentlich ist Simon für ihn gar nicht tot – und Matthew auch kein gewöhnlicher 19-Jähriger. Matthew leidet an Schizophrenie …

 

Cover und Titel

Das Cover von „Nachruf auf den Mond“ hat mich vor allem aufgrund der tollen Schriftart des Titels angesprochen, die sich übrigens auch im Buch bspw. bei den Seitenzahlen wiederfindet. Der Titel an sich hat mich auch sofort neugierig gemacht und erklärt sich beim Lesen des Romans.
Das Coverbild an sich ist erstmal verwirrend: Zu sehen ist eine Ameise auf der Erde die zum Mond emporblickt, der durch eine lange Leiter mit der Erde verbunden ist. Das Motiv macht vor allem in Kombination mit dem Klappentext neugierig, erklärt sich dann auch während der Lektüre des Buches. Das Originalcover gefällt mir trotzdem noch besser, weil es nicht ganz so verwirrend ist wie das der deutschen Übersetzung, aber trotzdem den Inhalt gut widerspiegelt.

 

Mein Eindruck

Der Einstieg in „Nachruf auf den Mond“ fiel mir leicht. Aus der Ich-Perspektive schildert der psychisch kranke Matt wie er als 9-Jähriger mit seinen Eltern und seinem älteren Bruder Simon, der unter dem Down-Syndrom „leidet“, im Urlaub ist. Wenige Seiten später ist sein Bruder tot. Allein durch diesen Aufbau ist dieser Roman etwas Besonderes: Die Katastrophe passiert gleich auf den ersten Seiten (eigentlich erfährt man es ja sogar schon auf dem Klappentext), aber die Spannung, was genau passiert ist, wird dann knapp 300 Seiten aufrecht erhalten.
Nachfolgend schildert Matt wie der Tod des Bruders nicht nur ihn, sondern auch seine Beziehung zu seinen Eltern verändert hat. Dabei springt er immer wieder in den Zeiten hin und her. Diese Zeitsprünge werden nicht angezeigt, so dass ich durch die Kombination mit Matts teilweisen wirren Schilderungen (aufgrund seiner Schizophrenie) gelegentlich Mühe hatte der Handlung zu folgen. Dies ist auch der Grund, warum ich insgesamt 10 Tage benötigt habe, um diese 320 Seiten zu lesen. Der rote Faden war für mich manchmal nicht ersichtlich, weshalb mich der Roman trotz der aufrecht erhaltenen Spannung nicht fesseln konnte. Mir ist durchaus bewusst, dass diese teilweise wirren Schilderungen der Schizophrenie des Autors geschuldet sind, was im Hinblick auf die Authentizität auch durchaus Sinn macht. Aber mich hat das Lesen aufgrund dessen einfach unheimlich angestrengt.
Drei sehr positive Details will ich aber nicht unerwähnt lassen: Zum einen sind dies die teilweise wirklich witzigen  Überschriften, Zeichnungen und verschiedene Schriftarten, die dem Buch allein optisch eine besondere Note und Authentizität verleihen (Matt schreibt ab einer bestimmten Stelle auf einer Schreibmaschine und ab da wird auch die typische Schreibmaschinen-Schriftart verwendet, die blasser wird als das Farbband zur Neige geht). Zum anderen haben mich die sehr authentischen Einblicke in den Patientenalltag in einer psychiatrischen Klinik beeindruckt, die ich trotz mangelnder Abgleichmöglichkeiten mit der Realität für besonders gelungen halte. Man merkt durch die detaillierten, kritischen Schilderungen aus Patienten-Sicht, dass Nathan Filer selbst in einer psychiatrischen Klinik gearbeitet hat. Und zu guter Letzt muss auch noch das gelungene Ende hervorgehoben werden, welches einen wirklich passenden Abschluss der Geschichte darstellt.

Mein Fazit: Mit „Nachruf auf den Mond“ schreibt Nathan Filer eine wirklich außergewöhnliche Geschichte über den Umgang mit dem Tod aus der Sicht eines psychisch Kranken. Dabei legt der Autor großen Wert auf Authentizität, der dafür aber die leichte Lesbarkeit zum Opfer fällt. Nichtsdestotrotz ist diese Geschichte lesenswert, weil sie Außenstehenden einen spannenden Einblick in die Psyche eines Patienten in einer psychiatrischen Einrichtung gewährt.

Bewertung3

Vielen Dank an den Droemer Knaur Verlag für das Rezensionsexemplar!

  • Lottas Buecher

    Hallöchen meine liebste Evi,
    ich kann deine Kritik voll und ganz nachvollziehen. Aber mich hat das irgendwie nicht so sehr gestört, weil es eben so authentisch war. Ich habe wirklich fast das Gefühl authentischer gehts gar nicht. Ich frage mich auch ernsthaft, wie der Autor das so gut hinbekommen hat! Unfassbar. Ich verlink deine Rezension bei mir, sobald meine dann online ist 🙂

    Liebst, Lotta