|Rezension| Mord im Orientexpress – Agatha Christie

Ich werde wohl trotz der wunderschönen Neuauflagen kein Agatha Christie Fan…

 

81gHqvcJvdLVerlag: Atlantik
Originaltitel: „Murder on the Orient Express“
Übersetzung: Otto Bayer
Taschenbuch: 9,99 Euro
Ebook: 4,99 Euro
Erscheinungsdatum: 08.09.2014
256 Seiten
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„ich sehe gern zornige Engländer“, sagte Poirot. „Sie sind köstlich. Je mehr sie mit dem Herzen dabei sind, desto weniger beherrschen sie ihre Zunge.“ (S. 221)

 

Worum geht´s?

Nach einigen Mühen hat Hercule Poirot ein Abteil im Kurswagen Istanbul – Calais des Luxuszugs ergattert. Doch auch jetzt ist ihm keine Ruhe vergönnt: Ein amerikanischer Tycoon ist ermordet worden, der ganze Zug voller Verdächtiger. Und der Mörder könnte jederzeit wieder zuschlagen. Eine Aufgabe, wie gemacht für den Meisterdetektiv.

 

Cover und Titel

Die Neuauflage der Agatha Christie Werke aus dem Atlantik Verlag ist einfach wunderschön. Deren geschmackvolle, moderne Covergestaltung war tatsächlich der Grund, warum ich mich überhaupt dazu verleiten ließ, „Mord im Orientexpress“ zu lesen. Bisher dachte ich, diese Geschichten wären eher etwas für die ältere Generation, zumal deren Entstehung nun schon knapp 100 Jahre zurückliegt. Der Titel an sich ist ein Klassiker, der selbst mir – als Neuling in Sachen Agatha Christie Romane – bekannt war. Er fasst das zentrale Geschehen des Plots kurz und knapp zusammen, während der Titel der deutschen Erstausgabe „Die Frau im Kimono“ weniger vom Inhalt verrät.

 

Mein Eindruck

Obwohl die Geschichte gerade einmal ca. 250 Seiten umfasst, habe ich vergleichsweise lange (3 Tage) gebraucht, um sie zu lesen. Nun könnte man meinen, daran wäre die fehlende Spannung Schuld. Dies trifft jedoch überhaupt nicht zu, denn am Spannungsaufbau dieses Kriminalfalls, in dem der Detektiv Hercule Poirot zusammen mit 15 anderen Fahrgästen mehrere Tage im berühmten Orientexpress unterwegs ist, in dem ein Mord geschieht, gibt es überhaupt nichts auszusetzen.

Man kann nachlesen, dass Agatha Christie in den 1920er Jahren selbst solch eine Fahrt mit dem Orientexpress unternahm, was beim Lesen dieser Geschichte durch authentische Beschreibungen der Umstände stets spürbar ist. Der Vorstellungskraft des Lesers wird sogar durch eine Zeichnung vom Zug und dessen Aufteilung auf die Sprünge geholfen.

Als Leser ermittelt man von Anfang an mit Poirot, der einen aber größtenteils nur an den Fakten, nicht an seinen Überlegungen teilhaben lässt. Ich hätte mir manchmal gewünscht etwas mehr über dessen Persönlichkeit zu erfahren. Es wird zwar schnell deutlich, dass er ein überaus intelligenter, ruhiger Mensch ist, der sich durch nichts aus dem Konzept bringen lässt, aber manchmal hätte ich mir mehr Fehlbarkeit und Witz gewünscht. Möglicherweise bin ich in dieser Hinsicht vom Meisterdetektiv Nr. 1 mit Namen Sherlock Holmes zu verwöhnt. Der von ihm gewohnte Witz und Sarkasmus ist auch bei Agatha Christies Meisterdetektiv Poirot in Ansätzen vorhanden, aber eben nur sehr dezent.

Bei „Mord im Orientexpress“ sprechen immer wieder verschiedene Indizien für den einen oder anderen Fahrgast – jeder könnte der Mörder gewesen sein, aber jeder hat zugleich ein Alibi. Genauso strukturiert und konzentriert wie der Protagonist bei seiner Ermittlung vorgeht, ist auch der Aufbau des Plots, der in drei große Abschnitte unterteilt ist, die wiederum aus einzelnen kürzeren Kapiteln bestehen, deren Überschriften den Hauptinhalt des jeweiligen Kapitels zusammenfassen. Mehr Struktur ist kaum möglich. Und dennoch hatte ich Probleme dem Geschehen zu folgen. Warum? Aus zwei Gründen: Der Hauptgrund sind die vielen Verdächtigen, deren Namen und Eigenschaften ich mir trotz sehr aufmerksamen, häppchenweisen Lesens kaum merken konnte. Zwar werden alle einzeln in einem jeweiligen Kapitel vorgestellt, aber dennoch musste ich während des Lesens immer wieder an diese Stelle zurückblättern, weil mein Gehirn diese Masse an Personen und Eigenschaften nicht verarbeiten konnte, so dass ich mich in regelmäßigen Abständen immer wieder fragen musste „Wer war das nochmal?“.

Hinzu kommt die Bedeutung der französischen Sprache in der Geschichte: Immer wieder enthalten die Konversationen französische Sätze, die leider nicht übersetzt wurden. Da ich dieser Sprache nicht mächtig bin, hat mich das stellenweise schon gestört. Zwar sind die Sätze in den meisten Fällen vermutlich unbedeutend, so dass einem keine wesentlichen Aspekte des Geschehens verloren gehen, aber an anderen (wenigen) Stellen sind sie eben doch von Bedeutung, so dass ich die einzelnen Worte nachschlagen musste, was meinen Lesefluss erheblich gestört hat.

Mein Fazit: Auch wenn mir der sehr ausgeklügelte, stimmige Kriminalfall und dessen Auflösung wirklich gut gefallen hat, da er eben zu keinem Zeitpunkt durchschaubar war, wollte sich bei mir aus den oben genannten Gründen keine richtige Lesefreude einstellen. Deshalb vergebe ich nur mittelmäßige 3 von 5 Punkten.

 

Bewertung3
 
Vielen Dank an den Atlantik Verlag für dieses Rezensionsexemplar.

 

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