|Rezension| Miss Blackpool – Nick Hornby

Überraschend anders – überraschend gut!

 

copyright: Kiepenheuer&Witsch

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Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Gebundene Ausgabe: 19,99 Euro
Ebook: 17,99 Euro
Erscheinungsdatum: 13.11.2014
432 Seiten
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“ ‚Wie hat er dir den Antrag gemacht?‘
   ‚Er hat mich ins Tratt ausgeführt, Champagner bestellt und den Pianisten gebeten And
    I love her zu spielen. Und dann ist er auf ein Knie runtergegangen‘
  ‚Oh Gott.‘
  ‚Oh Gott, wie furchtbar, oder Oh Gott, wie toll?‘
  ‚Oh Gott, schrecklich. Furchtbar. Peinlich. Schmierig.‘
  ‚Freut mich, dass du das findest.‘ “ (S. 169)

Worum geht´s?

Anfang der 60er: Barbara nimmt die Wahl zur »Miss Blackpool« nicht an, als ihr aufgeht, dass sie dann ein weiteres Jahr in diesem verschlafenen Provinzstädtchen verbringen müsste. Stattdessen zieht sie nach London, ins Herz der neu entstehenden Popkultur, um Komikerin zu werden. Was zunächst aussichtslos erscheint, wird Wirklichkeit, und die Truppe rund um die beiden Drehbuchschreiber Tony und Bill, den Produzenten Dennis sowie Schauspielkollegen Clive ersetzt Barbara fortan die Familie. Alle sind von der Idee besessen, aus ihrer Sitcom einen Riesenerfolg zu machen, was ihnen trotz großer und kleiner Katastrophen auch gelingt. Doch was passiert, wenn Schönheit und Ruhm mit der Zeit verblassen? Nick Hornby nimmt den Leser mit ins brodelnde London der 60er-Jahre, mitten hinein in die Welt der am Hungertuch nagenden Drehbuchschreiber, der überarbeiteten Regisseure, der egozentrischen Schauspieler und der vom großen Durchbruch träumenden Mädchen.

 

Cover und Titel

Das Covermotiv von „Miss Blackpool“ ist typisch für die Hornby-Bücher: ein auffälliger Schriftzug, der das Zentrum des Covers bildet plus ein kleines Detail, das auf den Inhalt des Romans hinweist (in diesem Fall der Fernseher). Ich mag die Farbe des Hintergrunds nicht, weil sie so altbacken wirkt, aber vermutlich ist das gewollt, da der Roman ja in den 60er Jahren spielt.

Obwohl ich normalerweise ja ein großer Fan der englischen Originaltitel bin und immer nicht verstehen kann warum man diese in der deutschen Übersetzung durch andere englische Titel ersetzt, finde ich diesem Fall tatsächlich (und das ist das erste Mal überhaupt!) den Titel der deutschen Ausgabe besser als den Originaltitel („funny girl“), weil er zum einen neugieriger auf den Inhalt macht, wenn man eben jenen nicht kennt und zum anderen das Wesentliche der Geschichte besser umschreibt als „funny girl“.

 

Mein Eindruck

Ich muss ehrlich zugeben: Wenn dieser Roman nicht von Nick Hornby wäre, hätte ich ihn vermutlich nicht gelesen, weil mich der Klappentext nicht wirklich angesprochen hat. Und dann wäre mir definitiv etwas entgangen. Als großer Hornby-Fan (ich habe bisher alle seine Bücher gelesen) blieb mir also gar nichts anderes übrig als mich an den Text zu wagen.
Der Einstieg fiel mir zugegebenermaßen schwerer als bei den vorherigen Hornby-Bücher, was vermutlich am Rahmen der Handlung liegt: Der Plot spielt im Schauspiel-/Comedymilieu im England der 60er Jahre – ein Terrain mit dem ich mich bisher noch nie beschäftigt hatte. Damit nimmt Hornby den Leser mit in eine turbulente Phase der britischen Geschichte, bei der er u.a. die damalige Strafbarkeit von Homosexualität oder die Rolle der Frau in den Fokus rückt. Es gelingt ihm nicht nur diese Probleme nahezu beiläufig und trotzdem präzise zu thematisieren, ohne zu politisch zu werden, sondern auch den allmählichen Wandel in den Köpfen der Briten in Bezug auf diese Themen authentisch darzustellen. Spannend ist außerdem auch der Einblick den man in die Comedyszene der damaligen Zeit bekommt. Teilweise bekommt man sogar den Eindruck ein Sach-/Geschichtsbuch über diese Unterhaltungsform zu lesen. Dieser Anschein wird außerdem durch abgedruckte Originalfotos aus dieser Zeit verstärkt. Wen es allerdings überhaupt nicht interessiert mal hinter die Kulissen einer britischen Comedy-Serie der 60er Jahre zu blicken, der wird wohl an vielen Stellen eher gelangweilt sein. Und das ist auch der Grund, warum ich dem Buch keine volle Punktzahl gebe. Für meinen Geschmack hat es zu viele Längen, die für den Leser, der sich nicht so für die Materie Comedy in den 60er Jahren interessiert. Ein wirkliches tolles Ende hat mich mit diese Längen aber fast wieder gänzlich versöhnt.
Trotz des außergewöhnlichen Plots, mit dem man sich erst einmal anfreunden muss, ist dieses Buch durch seinen angenehmen unterhaltsamen auktorialen Erzählstil und den intelligenten Humor (siehe Zitat oben) ein typisches Hornby-Buch. Ebenfalls typisch für Hornby sind die spannenden Charaktere im Buch: Man merkt wie viel Herzblut er in die Figuren gesteckt hat und vor allem Barbara, Dennis und Tony waren so vielschichtige Charaktere, bei denen es mir besonders viel Freude gemacht hat, ihre Entwicklung mitzuverfolgen.
Mein Fazit: Mit „Miss Blackpool“ schafft es Hornby wieder einmal seine Fans zu überraschen. Dieser ungewöhnliche Plot überzeugt durch ein hohes Maß an Authentizität und spannende Protagonistin. Wenn dieser Roman auch kein Pageturner ist wie bspw. „High Fidelity“ oder „A long way down“, so ist er trotzdem eine unterhaltsame Geschichtsstunde in Sachen Comedy in Großbritannien.

Bewertung4

Vielen Dank an Kiepenheuer & Witsch für dieses Rezensionsexemplar!

  • Lottas Buecher

    Hallöchen Evi,
    was für eine schöne Rezension. Du drückst dich einfach immer so wunderbar gewählt aus. Ich liebe das.
    Ich habe bisher noch kein Buch des Autoren gelesen. Ich weiß, Schande über mich. Ich habe es mir schon ein paar Mal vorgenommen, aber es ist bisher noch nie dazu gekommen, du weißt ja wie sowas ist. Vielleicht sollte ich es jetzt langsam mal in die Tat umsetzen. Den Film „A long way down“ habe ich zumindest schon mal geguckt.
    Liebst, Lotta

    • booksinmyworld

      Meine liebste Lotta,

      danke für deine schönen Worte, die mir den heutigen Tag versüßen!
      Wie hat dir denn der Film gefallen? Wie so oft, kommt er nicht ans Buch ran, aber ich fand ihn trotzdem nicht schlecht.

      Liebste Grüße
      Evi