|Rezension| Mein Sommer am See – Emylia Hall

„Mein Sommer am See“ ist keine leichte Sommerlektüre…

btb
Taschenbuch: 9,99 Euro
Ebook: 8,99 Euro
Erscheinungsdatum: 12.05.2014
416 Seiten
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„Es liegt eine traurige Poesie im Ahnungslosen. Jeder Katastrophe, die uns widerfährt, geht eine Zeit voraus, in der wir von nichts wussten. Wie glücklich wir da noch waren. Wenn wir doch nur lernen könnten, die normalen Tage zu feiern; die Tage, die unauffällig beginnen und sich wenig beachtenswert fortsetzen.“

Worum geht´s?

Eines Tages bekommt Beth ein Paket. Darin ein Album mit Fotos, Notizen und anderen Erinnerungsstücken, die Beth noch nie zuvor gesehen hat. »Das Buch unserer Sommer«, in dem ihre Mutter Marika die Erinnerung an jene Sommerferien festgehalten hat, die Beth in ihrer Jugend bei ihr in Ungarn verbrachte. Eine Zeit, in der Beth hin und her gerissen war zwischen ihrem zurückhaltenden Vater, mit dem sie im englischen Devon lebte, und der temperamentvollen Mutter, die die Sehnsucht nach der Heimat von ihrer Familie fortgetrieben hatte. Eine Zeit, in der Beth sich nichts sehnlicher wünschte, als endlich ihren Platz im Leben zu finden. Eine Zeit, die mit einer schockierenden Enthüllung endete, als Beth gerade 16 war. Seit damals hat Beth jeden Gedanken an diese Zeit weit von sich geschoben. Doch das Album bringt all ihre Erinnerungen wieder zurück – an die erste Liebe, an flirrend heiße Sommertage und kühle Waldseen. Und an den Tag, an dem alles zerbrach …

Cover und Titel

Das Coverbild plus Aufkleber „Das Sommerbuch 2014“ sowie der Titel „Mein Sommer am See“ haben eine klare Botschaft: Dies ist die perfekte Lektüre für den Sommerurlaub. Klar, dass mich das sofort angesprochen hat. Laut Klappentext erwartet den Leser eine Familiengeschichte mit ungarischem Flair. Das stimmt auch so, aber trotzdem stört mich sowohl an Titel als auch Cover, dass sie die einen falschen Eindruck vom Inhalt des Romans vermitteln. Wieder einmal ist der Originaltitel „The Book of Summers“ viel treffender, da es eben nicht um einen Sommer am See, sondern vielmehr um das „Buch unserer Sommer“ geht. Auch das Originalcover ist passender, da es eine gewisse Melancholie ausdrückt, die zum Inhalt des Buches passt.

Mein Eindruck

Der Einstieg in den Roman ist mit schwer gefallen, was vor allem an der sehr bildlichen Sprache der Autorin und dem Hin- und Herspringen zwischen den Zeiten lag. Nahezu alles – vor allem aber alle Äußerlichkeiten wie Orte und Menschen – werden sehr detailliert beschrieben, was gerade die Leser, die eine spannende Handlung erwarten, möglicherweise ein bisschen verschreckt. Obwohl ich gerade die Passagen über Ungarn wirklich großartig fand, da ich ein mir vollkommen fremdes Land und dessen Bewohner durch die Beschreibungen haargenau vor Augen hatte, war mir dieses Verlieren im Detail an mancher Stelle einfach zu viel und ich hatte das Gefühl, der Roman wird künstlich in die Länge gezogen. Bis zur Hälfte des Buches ist eigentlich noch nicht viel passiert, aber ab dann nimmt die Geschichte an Fahrt auf.
Das Hineinfinden in das Geschehen wird zusätzlich durch den Wechsel zwischen Gegenwart (Beth ist Anfang 30 bekommt „Das Buch unserer Sommer“ zugeschickt) und Vergangenheit (Beth erinnert sich beim Durchblättern des Buches an ihre Sommer in Ungarn) erschwert, der stets mitten im Kapitel und ohne jegliche Kenntlichmachung wie Zwischenüberschriften o.ä. erfolgt. Zwar gewöhnt man sich recht schnell daran, aber zu Beginn war dies schon etwas befremdlich. Insgesamt ist das Verhältnis von „Vorher“ und „Nachher“ ungefähr 25:75 – die Vergangenheit und die Frage, was in jenen Sommer in Ungarn passiert ist, steht also definitiv im Mittelpunkt.
Ein großer Pluspunkt der Geschichte ist das Ende, was wirklich überraschend kam und zu keinem Zeitpunkt vorhersehbar war und mir sehr gut gefallen hat. Noch ein Wort zu den Charakteren, mit denen ich leider nicht so ganz klar kam. Sowohl Beth als auch ihre Mutter, die die Hauptpersonen des Buches sind, haben in meinen Augen teilweise nicht nachvollziehbar gehandelt. Ich will hier nicht ins Detail gehen, um nicht zu spoilern, aber definitiv hat ihr Verhalten dazu geführt, dass sie mir nicht sonderlich sympathisch waren. Vielleicht hätte die Autorin an mancher Stelle noch etwas in die Tiefe gehen und deren Beweggründe erläutern müssen.
Insgesamt schwingt die ganze Zeit eine gewisse Melancholie und Bitterkeit mit, wodurch es mir schwer fällt dieses Buch als leichte Sommerlektüre abzustempeln.
Mein Fazit: „Mein Sommer am See“ ist ein Familienroman, der punktet durch die authentische Beschreibung Ungarns in den 90er Jahren, der aber durch seine melancholische Grundstimmung eher etwas für graue Herbst- als für warme Sommertage ist.

Bewertung4

Ganz herzlichen Dank an btb für dieses Rezensionsexemplar!