|Rezension| Männer wie Männer, Frauen wie Frauen – Marja-Liisa Vartio

Finnische Kühle trifft Geschichte einer Affäre

175981

Verlag: Insel
Gebundene Ausgabe: 22,95 Euro
Erscheinungsdatum: 18.08.2014
268 Seiten
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„(…) Und außerdem: Wenn er mich versteht, dann müsste er auch verstanden haben, dass ich überhaupt nichts mehr verstehe.“ (S. 246)

Worum geht´s?

„Ich hätte gar nicht erst herkommen dürfen“, sagt die 18-jährige Leena. Aber da sitzt sie schon auf seinem Bett. Sie ist verliebt. „Ich hätte es nicht tun dürfen“, sagt er, ein verheirateter Straßenarbeiter, „die Verantwortung liegt bei mir“. Leena hätte so gern etwas gelernt, studiert, aber der Vater ließ sie nicht. Jetzt erwartet sie ein „Hurenbalg“. Aber während etwas innen wächst, wird sie nach außen stärker. Leena rebelliert, verlässt Dorf und Familie, sucht sich in der Stadt eine Stelle. Das macht sie nicht glücklich, aber doch freier und selbstbestimmter. Eine tausendmal erzählte Geschichte, aber wie Marja-Liisa Vartio diese Geschichte erzählt, ist unerhört. Mit Feingefühl und lyrischer Intensität beschreibt sie die Gefühlswelt einer jungen Frau, die sich selbst erst kennenlernen muss, um etwas aus ihrem Leben zu machen.

Cover und Titel

Beim Titel denkt man sich erstmal “Hm, interessant… Um was geht´s hier?” Das Cover zeigt eine nachdenkliche junge Frau allein an einem Tisch- schlicht und doch wunderschön durch die eingesetzen warmen Farben.

 

Mein Eindruck

“Ein moderner Klassiker der finnischen Literatur” – so wird dieses Buch auf der Internetseite des Insel Verlags betitelt. Große Worte, die mich neugierig gemacht haben. Zudem scheint die schon in den 60er Jahren verstorbene Autorin in ihrer Heimat sehr bekannt zu sein, wodurch man natürlich auch eine gewisse sprachliche Qualität erwartet.
Die junge Leena, die gerade einmal 18 Jahre alt ist, geht mit einem wesentlich älteren, verheirateten Mann, der im gesamten Roman nur als „der Mann“ bezeichnet wird, auf ein Zimmer und schläft mit ihm. Der Leser erfährt gleich zu Beginn viel über die widersprüchlichen Gefühle Leenas, die sehr nüchtern und direkt geschildert werden. Die Autorin hat einen angenehm unaufgeregten Schreibstil, der allerdings zu Beginn etwas gewöhnungsbedürftig ist. Da spürt man die „finnische Kühle“, die diesen Roman auszeichnet und zu etwas Besonderem macht. Trotz aller Distanziertheit des Erzählers bekommt der Leser einen tiefen Einblick in Leenas Gedanken und ihre persönliche Entwicklung.
Viele Fakten über die Protagonisten liefert die Autorin nicht, so dass es kaum möglich ist, sich ein klares Bild von Leena oder „dem Mann“ zu machen, aber das ist auch gar nicht nötig, da der Fokus ohnehin auf Leenas ambivalenten Charakter liegt, der trotz der distanzierten Erzählperspektive mit sehr viel Feingefühl dargestellt wird. Obwohl die Geschichte schon vor mehr als 60 Jahren geschrieben wurde, ist sie gerade durch den Verzicht auf nebensächliche Details ein zeitloses Meisterwerk.

Mein Fazit: „Männer wie Männer, Frauen wie Frauen“ ist eine anspruchsvolle Lektüre über ein schon so oft literarisch verarbeitete Thema, die sich durch ihre außergewöhnlich distanzierte und zugleich feinfühlige Erzählweise von der Masse abhebt.

Bewertung4

Ein herzliches Dankeschön an den Insel Verlag und vorablesen für das Rezensionsexemplar!

  • Marian

    Toller Beitrag!