|Rezension| Lebensstufen – Julian Barnes

Ein außergewöhnlich persönliche Geschichte über Liebe und Tod

 

Lebensstufen - Julian BarnesVerlag: Kiepenheuer & Witsch
Gebundene Ausgabe: 16,99 Euro
Ebook: 14,99 Euro
Erscheinungsdatum: 09.02.2015
144 Seiten
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„Man bringt zwei Menschen zusammen, die vorher nicht zusammengebracht wurden; und manchmal hat die Welt sich verändert, manchmal auch nicht. Sie können abstürzen und verbrennen oder verbrennen und abstürzen. Aber manchmal entsteht etwas Neues, und dann hat die Welt sich verändert. In der ersten Hochstimmung, dem ersten stürmischen Aufschwung, sind sie zusammen größer als die zwei einzelnen Menschen. Zusammen sie weiter, und sie sehen klarer.“ (S. 41f.)

 

Worum geht´s?

Wir lernen Nadar kennen, Pionier der Ballonfahrt und einer der ersten Fotografen, die Luftaufnahmen machten, sowie Colonel Fred Burnaby, der zum eigenwilligen Bewunderer der extravaganten Schauspielerin Sarah Bernhardt wird. Und wir lesen über Julian Barnes’ eigene Trauer über den Tod seiner Frau – schonungslos offen, präzise und tief berührend. Ein Buch über das Wagnis zu lieben.

 

Cover und Titel

Das Cover von „Lebensstufen“ ist auf den ersten Blick keines, das ins Auge sticht bzw. im Kopf bleibt. Ein schlichter blauer Hintergrund, im Vordergrund der Titel und Autorennamen sowie ein gelb-roter Heißluftballon. Auch wenn mir diese Schlichtheit gefällt und das Titelbild zum Inhalt passt, gefällt mir die Farbkombination irgendwie nicht. Wieder einmal ist das Originalcover in meinen Augen wesentlich ansprechender, zumal es durch die abgebildeten Stufen auch noch Bezug zum Titel nimmt.

 

Mein Eindruck

Im Klappentext heißt es, „Lebensstufen“ wäre ein Buch über das Wagnis zu lieben. Dieser Satz sowie die Tatsache, dass es sich beim Autor um Julian Barnes handelt, vom dem mich schon „Vom Ende einer Geschichte“ begeistern konnte, haben mich davon überzeugt, dieses Buch lesen zu müssen.
Zu Beginn, also etwa die ersten beiden von drei Kapiteln des Essays (was etwa der Hälfte des Inhalts entspricht), wusste ich überhaupt nicht, was das Gelesene eigentlich mit dem Klappentext zu tun hat. Das hat mich zugegebenermaßen ziemlich verwirrt. Barnes erzählt wie in einem historischen Roman von Ballonfahrern des 19. bzw. 20. Jahrhunderts, deren Erfindungen und zwischenmenschlichen Beziehungen. Dies schildert er zwar auf recht unterhaltsamer Weise, aber genießen konnte ich das nicht wirklich, weil ich doch irgendwie etwas anderes erwartet habe. Was hat das alles mit dem Wagnis zu lieben zu tun? Dieses klärt sich dann im dritten Kapitel, das definitiv für alle Irrungen und Wirrungen der ersten beiden Kapitel entschädigt. Selten habe ich etwas derart kluges,  einfühlsames und berührendes über die Liebe und deren Verlust habe ich noch nie gelesen. Jeder Gedanke, jeder Satz ist Poesie, die man manchmal 2 oder 2 Mal lesen muss, um ihren vollständigen Sinn zu erfassen und sich dann am liebsten Wort für Wort notieren möchte. Er arbeitet viel mit Metaphern, die man manchmal erst beim nochmaligen Lesen begreift, was ein weiteres Zeugnis für Barnes genialen Schreibstil ist. Und plötzlich wird auch klar, dass der erste Teil des Essays doch eigentlich nur eine Metapher für das Leben ist, während der zweite Teil ein sehr persönlicher Lebensbericht über den Umgang mit dem Tod eines geliebten Menschen, nämlich Barnes‘ Ehefrau, ist.
Eines sollte man noch wissen bevor man sich „Lebensstufen“ vornimmt: Dies ist kein Buch für zwischendurch. Man muss in der richtigen Stimmung dafür sein, um diese ernsten Gedanken über die Liebe und den Tod aushalten zu können. Ich bin allerdings ziemlich sicher, dass sich jeder Mensch, der bereits einen geliebten Menschen verloren hat, in Julian Barnes Gedanken wiederfinden wird.

Mein Fazit: Mit „Lebensstufen“ schreibt Julian Barnes sein wohl persönlichstes Buch, mit dem er einmal mehr beweist was für ein großartiger Schriftsteller er ist. Auf nur 144 Seiten wird dem Leser so viel Kluges über das Leben vermittelt wie es kaum einem anderen Autor auf 500 Seiten gelingt. Aufgrund meiner Verwirrtheit, in der mich das Buch nach den ersten 70 Seiten zurückgelassen hat, ziehe ich einen Punkt von er Gesamtpunktzahl ab. Nichtsdestotrotz kann ich diesen Essay weiterempfehlen, weil er so viele sprachliche wie auch inhaltliche Schätze beinhaltet wie es selten ein Buch vermag.

Bewertung4

Vielen Dank an Kiepenheuer & Witsch für das Rezensionsexemplar!