|Rezension| Länger als sonst ist nicht für immer – Pia Ziefle

Ein faszinierendes Buch über verlorene Liebe, verlorene Träume und verlorene Familie

Verlag: Arche
Gebundene Ausgabe: 19,99 Euro
Ebook: 15,99 Euro
Erscheinungsdatum: 01.09.2014
320 Seiten
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„Wir haben nur dieses eine Leben, und manchmal haben wir auch nur diese eine Liebe. Die uns herausfordert, die uns an unsere Grenzen bringt. Die von uns verlangt, miteinander zu kämpfen, einander womöglich immer und immer wieder zu verletzen, solange wir einander nicht verstanden haben, und die erst hilft, uns zu versöhnen, wenn etwas Unumkehrbares geschehen ist. Dann erst zwingt sie uns, mit den Augen des anderen auf das eigene Leben zu sehen.“ (S. 262)


Worum geht´s?

Sommer 1976. In Ostberlin kommt der 9-jährige Lew in eine neue Familie, nachdem seine Eltern Republikflucht begingen. In einer schwäbischen Kleinstadt wird ein Mädchen namens Ira geboren und muss lernen, dass es von der Mutter nicht geliebt wird und dem Vater nicht zu nahe kommen darf. In einem Dorf in Jugoslawien begibt sich der 4-jährige Fido mit seinem Großvater auf die Reise nach Deutschland und wird nie mehr in die Heimat zurückkehren. Lew, Ira und Fido û zu unterschiedlichen Zeiten begegnen sie einander, lieben und verlieren sich wieder, können nicht finden, wonach sie sich sehnen: einen Ort, an dem sie zu Hause sind. Erst als fast 30 Jahre nach jenem Sommer Iras Vater im Sterben liegt und Lew überraschend eine Nachricht aus Indien erhält, öffnet sich ein Weg in die Vergangenheit, der ein Ankommen »für immer« noch möglich macht.

Cover und Titel

Der Titel des Buches gefällt mir ausgesprochen gut und hat mich sofort neugierig gemacht. Erinnert mich ein bisschen an die Titel von Anna Gavalda. Ich mag diese Art von Titeln, über die man erstmal kurz nachdenken muss.
Auch das Cover gefällt mir gut: schnörkellose Schrift, schlichter beiger Hintergrund mit einem abgebildeten Zopf. Das wirkt etwas abstrakt und macht dadurch neugierig.


Mein Eindruck

Ich hatte schon viel Gutes über Pia Ziefles „Suna“ gehört und war deshalb sehr glücklich, dass ich „Länger als sonst ist nicht für immer“ vorab lesen durfte. Als DDR-Kind fand ich das Thema interessant und war gespannt wie die Autorin die verschiedenen Biografien miteinander verknüpft.

Die Autorin beginnt mit einigen Zeilen aus Rio Reisers „Halt dich an deiner Liebe fest“. Und schwupps hatte sie mich schon für sich eingenommen. Ein tolles Lied, ein toller Einstieg.  Dann beginnt die Geschichte um Ira, Fido, Lew und Manuel, die im Sommer 1976 noch Kinder waren und nun Jahrzehnte später alle mit verlorener Liebe, verlorenen Träumen oder v erlorenen Familienmitgliedern zu kämpfen haben. Zugegeben, der ständige Wechsel der Zeitebenen, der nicht durch eine andere Schrift, Zwischenüberschriften, etc. angezeigt wird, fordert den Leser sehr heraus. Teilweise fiel es mir trotz aufmerksamen Lesens schwer, der Geschichte noch zu folgen. Die Frage, was die handelnden Personen miteinander zu tun haben, bleibt lange Zeit offen, was einerseits zu Irritationen, andererseits zu gesteigerter Spannung führt. Der Schreibstil von Pia Ziefle ist einzigartig: sie nennt die Dinge fast nie beim Namen, sondern gibt dem Leser lediglich durch Andeutungen, Umschreibungen und Rückblenden die Möglichkeit, sich die Geschichte selbst zusammenzubasteln. Die Autorin hat viele Einzelheiten des DDR- bzw. Nachwende-Alltags haargenau recherchiert, was dazu führt, dass man manchmal den Eindruck hat, man lese eine Biografie. Mir hat das sehr gut gefallen, da es die Geschichte absolut authentisch macht.

Mein Fazit:
„Länger als sonst ist nicht für immer“ ist ein anspruchsvoller, leiser Roman über die Biografien verschiedener Menschen im Osten Deutschlands vor der Wende und Jahrzehnte später, der durch eine faszinierenden Erzählstil und seine Authentizität überzeugt. Einen Punkt Abzug gibt es lediglich dafür, dass ich den Wechsel zwischen den Zeitebenen gelegentlich nicht ganz folgen konnte und dadurch manchmal den Überblick verloren habe.


Bewertung4

 

Vielen Dank an den Arche Literatur Verlag für dieses Rezensionsexemplar!