|Rezension| Hotel Iris – Yoko Ogawa

Grenzwertiger Roman…

 

41fehujziql-_sx298_bo1204203200_Verlag: Aufbau
Gebundene Ausgabe: 9,99 Euro
Ebook: 9,99 Euro
Erscheinungsdatum: 18.07.2016
224 Seiten

„Auch wenn ich vor Angst in Tränen ausgebrochen war, wünschte ich mir im Grunde meines Herzens, noch einmal zu hören, wie er einen Befehl erteilte.“ (S. 60)

 

Worum geht´s?

Die junge Mari macht eines Tages die Bekanntschaft eines deutlich älteren, faszinierenden Mannes. Sie folgt ihm auf eine einsame Insel, wo er an der Übersetzung eines Romans arbeitet, dessen Heldin ein grausames Ende findet – genau wie seine eigene Frau Jahre zuvor. Mari verstrickt sich immer tiefer in eine dunkle Beziehung mit ihm, voller Schmerz, aber auch voller Lust. Doch dann droht die Situation zu eskalieren.

 

Cover und Titel

Endlich mal wieder ein Buch, bei dem ich nicht schreiben kann „Tolles Cover. Passt perfekt.“ Es passt nämlich meines Erachtens  perfekt. Es ist vielmehr absolut verwirrend. Ich weiß ja nicht wie es euch geht, aber bei diesem Cover denke ich an eine Geschichte aus längst vergangener Zeit mit einer verwunschenen Prinzessin (Frau mit Schleier im Vordergrund) und einem einsamen Fischer (Mann auf kleinem Boot im Hintergrund). „Hotel Iris“ spielt aber in der Gegenwart und handelt von einer jungen Frau, die im familieneigenen Hotel arbeitet und einem älteren Schriftsteller. Ich habe deshalb keine Ahnung, was man sich bei diesem Cover gedacht hat. Mich hat es auch nicht angesprochen, ich bin nur aufgrund des Klappentextes auf das Buch aufmerksam geworden.

 

 

Mein Eindruck

Ich habe mich nun etwa zwei Wochen vor der Besprechung dieses Romans gedrückt. Und das nicht ohne Grund. Lange hat mich kein Buch mehr so widersprüchlich zurückgelassen.

Yoko Ogawa schreibt mit „Hotel Iris“ einen auffällig kurzen Roman (200 Seiten), dessen Knappheit sich auch in den Kapiteln, einzelnen Sätzen, Anzahl der Schauplätze und Protagonisten wiederfindet.  Im auffälligen Kontrast dazu steht der Inhalt der Geschichte: ein junges Mädchen, das von seiner Mutter unterdrückt wird, keine Freunde hat und kaum Freizeit, fühlt sich von einem älteren Herren, der ihr Hotelgast ist, angezogen. Und genauso widersprüchlich wie Stil und Inhalt dieses Romans sind, sind auch meine Empfindungen beim Lesen gewesen.

Einerseits war ich fasziniert von Ogawas Schreibstil: Die knappen, schmucklosen Sätze, die Distanziertheit der Autorin zu ihren Protagonisten (der männliche Protagonist hat keinen Namen, wird nur als „Übersetzer“ bezeichnet, ebenso die Mutter nur als Mutter) und die gleichförmigen Schauplätze (Hotel Iris und Haus des Übersetzers) haben einen eigentümlichen Reiz auf mich ausgeübt.

Andererseits konnte mich die Story einfach nicht überzeugen. Ich kann nur schwer in Worte fassen, warum das so ist. Fakt ist: Die Autorin schafft mit Mari und dem Übersetzer zwei interessante Protagonisten, die zwar äußerlich nicht unterschiedlicher sein könnten (er der alte Mann, der als Übersetzer arbeitet; sie das junge, hart im Hotel der Mutter arbeitende, unerfahrene Mädchen), sich aber durch eines verbunden fühlen: ihre Einsamkeit.

In vielen Besprechungen wurde die Sadomasochismus-Thematik, die in Beziehung der beiden einen großen Raum einnimmt, kritisiert. Und ja, diese Schilderungen sind wirklich grenzwertig und wer mit diesen Techniken/Vorlieben nichts anfangen kann, wird hier an vielen Stellen zu tun haben das Gelesene zu verarbeiten. Vor allem der Umstand, dass ein alter Mann ein junges Mädchen mehr oder weniger zu diesen Praktiken zwingt, verleiht dem Ganzen eine besonders Brisanz und war für mich hart an der Ekelgrenze.

Auch wenn es Yoko Ogawa durch die Ich-Perspektive meisterlich gelingt, den Leser in Maris Psyche eintauchen zu lassen, fehlt war ihr Verhalten in manchen Situationen für mein Empfinden einfach nicht glaubhaft. Sie hatte bisher keinerlei Berührungspunkte mit Sadomasochismus und lässt sich ohne Zweifel sofort darauf ein? Kann man das wirklich nur mit Naivität erklären?

Beeindruckt hat mich hingegen wie die Autorin der japanischen Gesellschaft und ihren strengen Konventionen auf latente Art und Weise den Spiegel vorhält. Ihre Kritik wird nie offen thematisiert, sondern äußert sich allein zwischen den Zeilen. Angeprangert werden die strengen familiären Strukturen, der Umgang mit Liebe, Sexualität und Vorlieben.

 

Mein Fazit:

Wenn man mich fragen würde, ob man dieses Buch gelesen haben muss, würde ich ganz klar mit „Nein“ antworten. Wenn man mich allerdings fragt, ob man ein Buch von Yoko Ogawa gelesen haben muss, lautet die Antwort ganz klar „Ja“. Die Autorin schafft es mit präzisen Worten und wenigen Sätzen eine großartige Atmosphäre zu schaffen, was mich sehr fasziniert hat. Das Thema dieses Romans („junges, hübsches Mädchen verfällt altem, runzeligen Mann“) war definitiv nicht meins.

 

Bewertung3

 

Vielen Dank an den Aufbau Verlag für dieses Rezensionsexemplar.

 

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