|Rezension| Gegenspiel – Stephan Thome

Wie viel Selbstverwirklichung ist in einer Ehe möglich?

 

 

GegenspielVerlag: Suhrkamp
Gebundene Ausgabe: 22,95 Euro
Ebook: 19,99 Euro
Erscheinungsdatum: 10.01.2015
464 Seiten
„Gemeinsame Lebenslügen sind komplizierte Gebilde, aber das zugrundeliegende Prinzip ist simpel: Einer will nicht hören, was der andere sich nicht zu sagen traut. Das ist keine Feigheit, sondern eine Art ungeschriebener Vertrag, der beide Seiten zur Einhaltung verpflichtet.“ (S. 168)

 

Worum geht´s?

Maria ist achtzehn und möchte raus aus Portugal. Mitte der Siebzigerjahre bietet das Land einer jungen Frau wenig Perspektiven. Maria aber will nicht heiraten und Kinder kriegen, sie will mehr vom Leben. Als das neue Jahrzehnt anbricht, geht sie nach Berlin, beginnt ein Studium und eine Beziehung mit einem rebellischen Theatermacher, die bald scheitert. Allen Plänen vom unabhängigen Leben zum Trotz findet sich Maria schließlich als Ehefrau und Mutter in der nordrhein-westfälischen Provinz wieder und schaut ihrem Mann Hartmut beim Karrieremachen zu. Lang arrangiert sie sich mit den Verhältnissen, aber als die Tochter erwachsen und auf dem Sprung aus dem Haus ist, trifft Maria eine Entscheidung. Lissabon nach der Nelkenrevolution, die Hausbesetzerszene in Westberlin, die deutsche Provinz vor und nach der Wende: Stephan Thome erzählt in markanten, spannungsreichen Szenen eine bekannte Geschichte neu und völlig anders. Gegenspiel ist ein berührender und manchmal verstörender Roman über Täuschung und Selbsttäuschung, über Aufbruch und Verantwortung, auch gegenüber dem eigenen Leben – ein Roman voller Empathie und psychologischer Raffinesse.

 

Cover und Titel

Der kryptische Titel „Gegenspiel“, der zusammen mit dem Autorennamen klar im Fokus des Covers steht, hat mich sofort neugierig gemacht. Im unteren Drittel des Covers sieht man außerdem die in einen Sonnenauf- oder untergang getauchte Silhouette Berlins, die sofort einen den Hauptschauplätze der Geschichte verrät. Ich mag die warmen orangefarbenen Töne, die im Bücherregal ein schöner Blickfang sind.

 

Mein Eindruck

Puh, dieser Roman hat mich geschafft. Ich habe ganze 4 Monate an ihm gelesen und das keineswegs, weil er schlecht ist, sondern weil ich ihn aufgrund seiner Komplexität nur in geringen Dosen zu mir nehmen konnte. Zudem habe ich erst als ich schon mitten in der Geschichte war, durch Zufall mitbekommen, dass es sich hier eigentlich um einen Doppelroman handelt, dessen ersten Teil, nämlich „Fliehkräfte“, in dem die gleiche Geschichte aus männlicher Sicht erzählt wird, ich natürlich vorher nicht gelesen habe. Dies führte dazu, dass mir meine Motivation, „Gegenspiel“ zu Ende zu lesen, kurzzeitig abhanden kam. Aber zum Glück habe ich sie dann wiedergefunden – andernfalls wäre mir diese intelligente Geschichte einer Ehe entgangen.

Unterteilt ist der Roman in einen 1. und 2. Teil, diese wiederum in einzelne Unterkapitel. Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht der Portugiesin Maria auf unterschiedlichen Zeitebenen: der Gegenwart, in der sie nach 20 Jahren Ehe mit Hartmut in einer Krise steckt; ihre Jugend in Lissabon sowie ihre Studienzeit im Vorwendezeit-Berlin. Die Rückblenden in die Vergangenheit sind nicht als solche gekennzeichnet, folgen kann man ihnen durch den Kontext aber trotzdem ohne große Mühe.

Den Einstieg in die Geschichte empfand ich als sehr gelungen, da Stephan Thome den Leser mitten in einen Streit der Eheleute Maria und Hartmut integriert. Die Szene ist wortgewaltig, schwungvoll, spannend und ist der perfekte Auftakt des Plots. Interessanterweise lässt dieser anfängliche Schwung der Erzählung dann schnell wieder nach. Im weiteren Verlauf erzählt der Autor eher in einem gemächlichen Tempo, an das man sich nach diesem Einstieg erst einmal gewöhnen muss.

Überhaupt liegt der Fokus des Romans auf der Paarbeziehung der beiden, wie diese im Laufe der Jahre von der Protagonistin wahrgenommen und empfunden wird. Eher nebensächlich, aber trotzdem nicht weniger authentisch sind die politischen Verhältnisse der erzählten Zeit. Wer überhaupt kein Interesse für die Geschichte Deutschlands (und auch Portugals) hat, wird sich vermutlich stellenweise langweilen. Für mich waren diese Schilderungen zwar interessant, aber zum Teil zu langatmig. In der Gegenwart des Romans werden immer wieder sehr realitätsnah die finanziellen Schwierigkeiten im Kultur- und Hochschulbereich thematisiert, die bekanntlich auch in der realen Gegenwart immer wieder aktuell sind.

Unbestritten ist Stephan Thome ein großartiger Erzähler, der seine Figuren so realistisch und mit viel Empathie darstellt, dass man sich ihrer und ihrer Probleme nicht entziehen kann. Wer sich an den Hauptschauplätzen Berlin und Lissabon ein bisschen auskennt, wird viele Details wiedererkennen, was der Geschichte zusätzlich Authentizität verleiht. Außerdem liefert der Autor dem Leser ein buntes Potpourri an Beziehungsprobleme, die zum Teil alltäglich, zum Teil schwer zu verkraften sind. Im Zentrum dieser Probleme ist die Frage nach Selbstverwirklichung- wie viel davon ist gut, wem steht sie zu und wie viel ist schlecht für die Beziehung?

Das Ende des Romans ist für meinen Geschmack zu offen gehalten. Ich persönlich habe keinen blassen Schimmer in welche Richtung sich die Ehe der beiden entwickeln wird und das finde ich schade. Ein Ende, das nicht alle Fragen klärt, finde ich gut, aber dieses war mir zu offen. Vielleicht hat man als Leser beider Romane aber eher eine Tendenz- das kann ich mangels Kenntnis von „Fliehkräfte“ leider nicht beurteilen.

Mein Fazit: „Gegenspiel“ ist ein interessantes psychologisches Portrait einer Ehe, in dem immer wieder die Frage „Wie viel Selbstverwirklichung ist innerhalb einer Beziehung möglich?“ gestellt wird, vor der Kulisse der deutschen und portugiesischen Zeitgeschichte, der mit einem großartigen Erzählstil und einer intelligenten Sprache besticht. Mit etwa 100 Seiten weniger und einem befriedigenderen Ende wäre dieser Roman in meinen Augen perfekt.

Bewertung4

Vielen Dank an den Suhrkamp Verlag für dieses Rezensionsexemplar.

 

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