|Rezension| Flüstern mit Megafon – Rachel Elliott

Überraschend gut!

 

Flüstern mit MegafonVerlag: Kein & Aber
Übersetzer: Verena Kilchling
Originaltitel: Whispers through a Megaphone
Gebundene Ausgabe: 20,00 Euro
Ebook: 15,99 Euro
Erscheinungsdatum: 01.10.2015
400 Seiten
Kaufen? Gebundene Ausgabe oder Ebook

„Für Miriam ist Ausgelassenheit ein ungewohnter Zustand, weil die Standardeinstellung ihrer Persönlichkeit ‚Melancholie, gepaart mit freundlicher Zurückhaltung‘ ist, was wie ein Raumspray für Introvertierte klingt.“ (S. 51)

Worum geht´s?

Die Wege von Ralph und Miriam könnten unterschiedlicher kaum verlaufen. Der Psychotherapeut und Familienvater Ralph führt ein scheinbar glückliches Leben, bis er seine Frau Sadie auf seiner Geburtstagsparty mit ihrer besten Freundin in flagranti erwischt. Schlimmer noch: Dank Twitter scheint außer ihm bereits die ganze Welt über die wahren Gefühle seiner Frau Bescheid zu wissen. Während Ralph wutentbrannt das Weite sucht, verlässt am anderen Ende der Stadt auch Miriam ihr Haus das erste Mal seit Langem. Nach Jahren der Isolation wagt sie endlich den Schritt hinaus in die Welt. Mitten im Wald treffen sie und Ralph aufeinander. Was als zaghafte Begegnung beginnt, entwickelt sich zu einer unerwarteten Freundschaft und stellt das Leben der beiden komplett auf den Kopf. Rachel Elliott erzählt mit viel Witz und Tempo von verborgenen Sehnsüchten, dem Wunsch, neu anzufangen, und dem befreienden Gefühl, aus alten Mustern auszubrechen.

 

Cover und Titel

Die Gestaltung dieses Romans ist wieder mal ein Paradebeispiel für exzellentes Marketing. Der außergewöhnliche Titel und das wortwörtlich schräge Covermotiv machen unglaublich neugierig auf den Roman. Während man beim Titel „Flüstern mit Megafon“ (der im Übrigen nahezu eine 1:1 Übersetzung des Originaltitels „Whispers Through A Megaphone“) sofort denkt „Wie soll das denn gehen? Mit einem Megafon kann man nicht flüstern!“, fragt man sich beim Blick auf das Cover, warum man die in der Natur sitzende Frau um 180 Grad gedreht abbildet und nicht gerade. Diese beiden Aspekte geben einen ersten Hinweis auf die Originalität und Genialität des Romans von Rachel Elliott.

 

Mein Eindruck

Als ich diesen Roman in der Verlagsvorschau entdeckte, hat er mich sofort angesprochen. Die optische Gestaltung war überzeugend und der Klappentext klang originell. Doch als ich auf den einschlägigen Internetportalen die ersten Stimmen zu „Flüstern mit Megafon“ las, war meine Euphorie schnell verflogen. Es mehrten sich die negativen Bewertungen, die alle einen einhelligen Grundtenor hatten: Die Geschichte sei zu ausufernd und langweilig.

Trotzdem habe ich mir das Buch nun vorgenommen und kann nur sagen: WHAT??? Was ist bitte an diesem Roman langweilig? Ja, es gibt viele Charaktere, die mit viel Liebe zum Detail in den Plot eingeführt werden und dann nicht mehr auftauchen. Und ja, Rachel Elliotts Schreibstil ist ungewöhnlich. Man könnte aber auch sagen, er ist außergewöhnlich. Außergewöhnlich gut! Zu Beginn fielen mir gleich die aneinandergereihten Hauptsätze auf, die mir anfangs ein Dorn im Auge waren. Auch der allwissende Erzähler macht es nicht leicht manchmal den ein oder anderen Perspektivwechsel mitzubekommen. Aber nach nur wenigen Seiten gewöhnt man sich an ihre Art und zu schreiben und plötzlich verliert man sich darin und entdeckt einen schönen Satz nach dem anderen und genießt die humorvolle Leichtigkeit ihres Erzählens. Allein das obige Zitat beweist wie absolut großartig dieser Roman sprachlich ist.

Im Zentrum der Geschichte stehen Miriam und Ralph, deren Lebensentwürfe sehr verschieden sind, aber die eine Gemeinsamkeit haben: beiden ist klar, dass sie ihr Leben ändern müssen. Das Besondere an diesen Charakteren ist die Tatsache, dass sie zwar einerseits ziemlich verrückt erscheinen, andererseits trotzdem sehr authentisch sind. Es ist nahezu unmöglich, den Inhalt dieses Romans in irgendeiner Form zusammenzufassen, denn aufgrund der vielen Nebencharaktere und Nebenhandlungen geschieht so Vieles und doch schreitet die Handlung insgesamt eher langsam voran.  und Problemen nicht unterschiedlicher sein könnten und dennoch durch Es ist gar nicht so einfach, den Inhalt dieses Buches zusammenzufassen, denn es passiert wahnsinnig viel, aber eigentlich auch sehr wenig. Insgesamt besticht der Plot durch seine Nähe zur Realität (z.B. spielt Twitter spielt eine nicht unbedeutende Rolle) und die Verarbeitung von gesellschaftlich relevanten Themen wie Homosexualität, traumatische Erlebnisse in der Kindheit und psychische Störungen auf eine sehr feinfühlige und unaufdringliche Art und Weise.

Mein Fazit: „Flüstern mit Megafon“ ist ebenso verwirrend wie sein Titel, aber gerade das macht diesen Roman aus. Rachel Elliott erzählt in einem unnachahmlichen Schreibstil, mit Sätzen, die teilweise so schön sind, dass man sie an die Wände tapezieren will, eine originelle Geschichte über eine ungewöhnliche Freundschaft und die Suche nach dem eigenen „way of life“. Ein großartiger Roman!

 

bewertung5

 

Vielen Dank an den Kein & Aber Verlag für dieses Rezensionsexemplar!

 

Weitere Rezensionen zum Buch:
  • Hallo liebe Evi,
    wow, das klingt nach einem wirklich außergewöhnlichen Roman. Ich habe immer respekt vor solchen Büchern und traue mich nie so ganz ran, da ich reine Liebesgeschichten nicht so mag … aber Deine Rezension macht mich in der Tat sehr neugierig, zumal ich besondere Schreibstile, schön formulierte Sätze liebe und diese scheinen das Buch zu beherrschen … Oh verdammt, ich wollte doch SuB abbauen … und jetzt ??
    Danke Dir für diese schöne Rezension, die mich Neugierig macht!
    Kati
    Kati