|Rezension| Er – Turgay Yagan

Ein einziges Klischee…

 

Er - Turgay Yagan

copyright: TT

Verlag: TT
Taschenbuch: 12,90 Euro
Ebook: 8,99 Euro
Erscheinungsdatum: 07.10.2014
236 Seiten
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„Ich suchte nach einem Komma, nach einem Fragezeichen, nach irgendetwas, das mir Hoffnung schenken würde. Aber ich fand nur Punkte und Ausrufezeichen.“ (S. 159f.)

Worum geht´s?

Zwei Menschen, zwei Leben, eine Stadt: Hamburg 2013. Die Wege des deutschtürkischen Journalisten Okan Baran und der jungen Anwältin Laura Janssen kreuzen sich. Sein Weg führt Okan von Ballettaufführungen über die Berge im Südosten der Türkei, die Ereignisse um den Gezi-Park bis zu sich selbst. Eine Liebesgeschichte, die Menschen, Städte, Kulturen und Politik verknüpft.

 

Cover und Titel

Für sich gesehen finde ich Cover und Titel recht unspektakulär. Ich mag zwar, dass der Titel plakativ im Vordergrund steht, aber die Zeichnung des Mannes hätte meines Erachtens nicht sein müssen. Zusammen mit dem zweiten Roman „Sie“ ergeben beide Cover natürlich ein sehr harmonisches Bild, zumal man sich mit blau („Er“) und pink („Sie“) an die stereotype Farbverteilung im Hinblick auf männlich/weiblich gehalten hat. Schön finde ich, dass diese Farbgestaltung sich nicht nur auf dem Schutzumschlag, sondern auch in der Farbe des Hardcovers wiederfindet.

 

Mein Eindruck

„Er“ und „Sie“ – eine Geschichte, zwei Romane. Als mir der Verlag diese Idee vorgestellt hat, war ich sofort begeistert. Als ich die Romane dann endlich in den Händen hielt, habe ich lange überlegt, wie ich sie jetzt lese. Hintereinander? Und wenn ja, mit welchem fange ich an? Oder vielleicht parallel? Da die Bücher wie Tagebücher mit Datumsangaben aufgebaut sind, hätte man sie auch gut parallel lesen können. Ich habe mich letztlich aus dem Bauch heraus dafür entschieden, mit „Er“ anzufangen. Schließlich ist der Autor ein Mann. Überhaupt erkennt man auf Anhieb einige Parallelen zwischen dem Protagonisten Okan und dem Autor Turgay Yagan. Beide haben türkische Wurzeln, sind in der Medienbranche tätig und leben in Hamburg. Das führt dazu, dass man teilweise den Eindruck bekommt, eine Biografie zu lesen, Die Struktur des Romans als Tagebucheinträge verleiht der Geschichte zusätzlich Authentizität. 
Zu Beginn musste ich mich sehr an den Schreibstil des Autors gewöhnen: Ständig nur Haupt- und keine Nebensätze. Das war wirklich anstrengend, aber man gewöhnt sich dran. Einen großen literarischen Anspruch darf man an die Schreibweise allerdings nicht stellen. Es liest sich in der Tat manchmal eher wie ein Tagebuch, bei dem jemand einfach aufgeschrieben hat, was er dachte, ohne auf die Lesbarkeit zu achten. Darüber könnte ich ja noch hinwegsehen, wenn wenigstens die Geschichte und ihre Protagonisten überzeugen würde. Allerdings ist Okan leider ein absolut nerviger Typ, der so von sich überzeugt ist, dass ich den perfekten Macho vor meinem inneren Auge habe: Er ist der tollste Liebhaber, der beste Journalist, der liebste Sohn und überhaupt ein toller Hengst. Hilfe! Aber auch das allein rechtfertigt noch keine 2 von 5 Punkten für diesen Roman.
Mein Hauptkritikpunkt ist die klischeebehangene Handlung: Gott, war das nervig! Eine spontane Reise nach Venedig! Dort dann in der schönsten Kulisse der erste Kuss und nach diesem (Achtung!) ein „Ich liebe dich!“. Würg! Das ist so kitschig, dass ich mich teilweise echt fremdgeschämt habe. Das allerbeste ist allerdings, dass die Handlung dann plötzlich von einer Liebesgeschichte in eine politische Geschichte umschwenkt. Ich will nicht zu viel verraten für diejenigen, die das Buch noch lesen möchten, aber auch das war für mich alles viel zu pathetisch und klischeehaft. Und wenn ich einen Liebesroman erwarte, will ich nicht auf 100 Seiten etwas über die politische Lage in der Türkei lesen.
 
Mein Fazit: „Er“ konnte mich leider nicht überzeugen. Einer durch und durch klischeehaften und zum Fremdschämen kitschigen Geschichte soll durch einen tagebuchartigen Aufbau auf Teufel komm raus Authentizität verliehen werden. Der Plan geht leider nicht auf. Nun hoffe ich, dass mich wenigstens „Sie“ wieder mit der Geschichte versöhnen kann.

Bewertung2

Vielen Dank an den TT Verlag für dieses Rezensionsexemplar!

  • Kerstin Scheuer

    Deine Eindrücke decken sich im Wesentlichen mit meinen. Auch wenn ich die Zeichnungen auf dem Cover schön, die Farbwahl aber recht einfallslos fand.

    Am meisten gestört haben mich neben der ständigen Selbstbeweihräucherung der Protagonisten die ewig Schwarz/Weiß-Malerei was die Verhsltensweisen von Mann und Frau angeht. Solche Verallgemeinerungen machen zwar das Leben hübsch einfach, sind aber nur selten wahr.
    Den politischen Teil, den Du kritisierst, war bei mir dann in der Tat der Einzige, der mich wirklich ansprach. Obwohl ich mich wunderte, weshalb Okan keinen einzigen Gedanken an seine gerade erst verlorene Freundin verschwendete.

    Zu Herrn Yagan möchte ich sagen, dass ihm-hätte er sich an seinen eigenen Rat gehalten und die Tezension aufmerksam gelesen- aufgefallen wäre, dass dort nur steht, dassAutor und Protagonist in Hamburg leben. Über die Kindheit konnte ich nichts finden.
    Und auch ich empfand Okan als sehr aufschneiderisch und extrem von sich selbst überzeugt. (Am schlimmsten ist die Stelle, wo er erzählt, wie er mit 11 seiner Mutter zu SEINEM Geburtstag Rosen kauft, als Dank, dass sie ihn zur Welt brachte.)

    • booksinmyworld

      Liebe Kerstin,

      danke für deine Meinung. Ich wusste ja schon, dass wir einen ähnlichen Eindruck hatten, wenn gleich es mich freut, dass dir dieser politische Part gut gefallen hat. Es kommt sicher immer darauf an, welche Erwartungen man an die Geschichte stellt. Ich bin gespannt auf deine Rezension!

      Liebe Grüße
      Evi

      P.S. Ja, das mit den Blumen war schlimm! 🙂

  • Turgay Yagan

    Guten Tag,
    ich habe Ihren Kommentar mit Respekt gelesen, da ich jeden Kritik respektiere. Mich wundert nur, ob Sie das Buch gelesen haben, welches ich geschrieben habe. Okan ist kein Macho, kein toller Hengst, der beste Journalist und der tollste Sohn. Er hat seinen Vater seit Jahren nicht gesehen, er hat Hemmungen, er ist eher zurückhaltend, er ist so naiv, dass er im Gezi Park ganz vorne stehen kann.
    Zudem bin ich kein Deutschtürke.
    Ich bin ein Türke, der in Deutschland lebt. ich bin weder in Hamburg geboren, noch in Hamburg aufgewachsen. Diese Information hätten Sie bekommen, wenn Sie den Klapptext gelesen hätten.
    Ich hoffe, dass Sie beim Lesen von SIE aufmerksamer sind.
    Schade …
    Grüße
    Turgay Yagan

    • booksinmyworld

      Lieber Herr Yagan,

      dass ich Ihre Herkunft falsch wiedergegeben habe, tut mir leid. Ich habe es bereits in der Rezension geändert.
      Leider kommt Okan für mich trotz dessen machohaft und selbstverliebt rüber, auch wenn das von Ihnen vielleicht nicht intendiert war. Allein die Tatsache, dass er Laura während seines Aufenthalts in der Türkei so gut wie gar nicht erwähnt, zeugt für mich von einem sehr großen Egoismus. Spätestens nach seiner Begegnung mit den Kurden hätte er sich bei ihr melden können…

      Viele Grüße
      Evelyn