|Rezension| Ein Jahr voller Wunder – Karen Thompson Walker

Ganz anders als Titel und Cover vermuten lassen…

 

 

917EAhvU8ILVerlag: btb
Übersetzer: Astrid Finke
Taschenbuch: 9,99 Euro
Ebook: 8,99 Euro
Erscheinungsdatum: 14.04.2015
320 Seiten
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„Später würde ich diese ersten Tage als den Zeitpunkt betrachten, an dem wir als Spezies feststellten, dass wir uns um die falschen Dinge gesorgt hatten: das Ozonloch, das Abschmelzen der Polklappen, Westnilfieber und Schweinegrippe und Killerbienen. Aber vermutlich ist das, wovor man Angst hat, nie das, was letztendlich eintritt. Die echten Katastrophen sind immer anders – ungeahnt, unvorhergesehen, unbekannt.“

Worum geht´s?

Julia sitzt mit ihren Eltern Joel und Helen gerade am Frühstückstisch, als die Neuigkeit über sie hereinbricht: Die Erde dreht sich plötzlich langsamer. Tage und Nächte werden länger. Jegliche Orientierung geht verloren. Auf einmal ist alles anders. Denn auf einmal könnte jede Entscheidung die letzte sein. Als Julias Vater mit dem Gedanken spielt, seine Frau für Julias Klavierlehrerin zu verlassen, die sich nicht von der allgemeinen Panik anstecken lässt. Und Julias Mutter gegen ihre Depressionen ankämpft. Und als Julia sich zum ersten Mal verliebt …

 

Cover und Titel

Cover und Titel von „Ein Jahr voller Wunder“ haben mich sofort angesprochen. Der abgebildete türkisfarbene Nachthimmel im Hintergrund und der das komplette Bild einnehme Titel versprechen einen Wohlfühl-Schmöker. Aber schon wenn man sich dem Klappentext widmet, stellt man fest, dass die Geschichte gar nicht so zum Wohlfühlen ist wie das Covermotiv vermuten lässt. Meines Erachtens vermittelt es einen völlig falschen Eindruck vom Inhalt des Romans, dessen Titel sich an dem der Originalausgabe („The Age of Miracles“) orientiert. Durch den Titel wird eine positive Grundstimmung impliziert, schließlich ist ein Jahr voller Wunder etwas sehr Schönes. In Verbindung mit dem Coverbild und dem Klappentext habe ich deshalb einen seichten Teenie-Liebesroman mit ein wenig Nebenhandlung erwartet.

 

Mein Eindruck

Ich habe mich also mit der Erwartung einer schönen Teenie-Liebesgeschichte, die durch äußere Einflüsse bedroht wird, in die Geschichte gestürzt und ziemlich schnell festgestellt, dass diese Erwartung wohl nicht erfüllt wird. Vielmehr liegt der Fokus des Plots anstatt auf der Liebesgeschichte auf besagten äußeren Umständen. Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich wohl kaum zu diesem Buch gegriffen – und das wäre wirklich verdammt schade, weil es mich letztlich trotz anderer Erwartungen begeistert hat.

Erzählt wird die Geschichte aus der Retrospektive der 11-Jährigen Protagonistin Julia und trotzdem hat man zu keinem Zeitpunkt das Gefühl ein Jugendbuch zu lesen. Dies liegt vor allem am hohem sprachlichen Niveau der Autorin. Ihr Schreibstil hat mich wirklich nachhaltig beeindruckt, da sie sich einfacher Sätze und klarer Worte bedient, aber es ihr trotzdem gelingt den Leser damit zu fordern und nicht zu langweiligen. Im ersten Moment scheint die Perspektive einer 11-Jährigen nicht mit dem hohen sprachlichen Anspruch des Romans zu harmonieren, aber ich hatte mich schon nach wenigen Seiten daran gewöhnt und fand es nicht mehr befremdlich. Vielmehr bin ich durch die Seiten geflogen und habe die Geschichte an zwei Tagen verschlungen.

Man muss allerdings wissen, dass der Grundtenor des Romans keineswegs so positiv ist wie Cover und Titel vielleicht vermuten lassen. Vielmehr ist die Stimmung – allein durch die gegebenen Umstände eines Weltuntergangsszenarios – ziemlich gedrückt. Wer also einen heiteren Liebesroman erwartet, wird vermutlich enttäuscht sein und sich nicht auf die Geschichte einlassen können, zumal eben der Fokus auf den Auswirkungen einer sich langsamer drehenden Erde liegt und damit auf Klimaveränderungen, etc. – das ist sicher nicht jedermanns Sache.

Karen Thompson Walker hat es allerdings geschafft mich für diese Thematik begeistern zu können, obwohl ich mich bisher noch nie für derartige Szenarien interessiert habe, da sie die Gegebenheiten unaufgeregt und authentisch darstellt, ihre Protagonisten sich im Laufe der Geschichte entwickeln und sie dem Ende trotz aller negativen Umstände eine positive Note verleiht, die den Leser nicht deprimiert, sondern zufrieden zurücklässt.

Mein Fazit: Mit „Ein Jahr voller Wunder“ hat Karen Thompson Walker ein kleines Wunder erschaffen, das  aufgrund seines Titels und Covers vollkommen unterschätzt wird. Ihr gelingt eine originelle Verknüpfung von Dystopie und Teenie-Liebesgeschichte, wobei sie auf viel Action und Drama verzichtet und den Fokus eher auf die kleinen Ereignisse setzt. Für mich ist dieser Roman ein kleiner Schatz, den man unbedingt gelesen haben muss.

bewertung5

Vielen Dank an btb und das Bloggerportal für dieses Rezensionsexemplar.

 

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