|Rezension| Die Würde ist antastbar – Ferdinand von Schirach

Schirach stellt wie immer die richtigen Fragen

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Verlag: Piper
Gebundene Ausgabe: 16,99 Euro
Ebook: 12,99 Euro
Erscheinungsdatum: 11.08.2014
144 Seiten
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„Mit den Rechten des Menschen ist es nämlich in Wirklichkeit wie mit der Freundschaft. Sie taugt nichts, wenn sie sich nicht auch und gerade in den dunklen, in den schwierigen Tagen bewährt.“ (S. 15)

Worum geht´s?

Wiegt ein Leben ein anderes auf? Was macht einen Täter zum Täter? Ferdinand von Schirach beschäftigt sich in seinen glänzenden Essays mit den großen Themen unserer Zeit ebenso wie mit ganz persönlichen Gedanken über die Literatur oder das Rauchen. Bestechend, klar und einsichtsvoll.
Oft ist es nur der Zufall, der den Einzelnen zum Täter oder Opfer macht. Schuld ist das, was einem Menschen persönlich vorgeworfen werden kann. – Nicht zuletzt seine so überzeugend formulierten Gedanken über Gut und Böse, über die moralischen und ethischen Fragestellungen in unserer Gesellschaft haben seine Stories und Romane zu Welterfolgen gemacht. In seinen Essays widmet sich Ferdinand von Schirach brisanten Themen wie den Schauprozessen gegen Prominente, der Sicherheitsverwahrung oder der Folterandrohung gegen Kindermörder. Daneben geht er aber auch der Frage nach, wie es in Zeiten des iPads um unser Lesen bestellt ist oder was der Zwang zu schreiben für einen Schriftsteller wirklich bedeutet. Ferdinand von Schirach ist einer der klügsten und originellsten Köpfe unserer Zeit. „Die Würde ist antastbar“ versammelt erstmals alle von ihm im »Spiegel« veröffentlichten Essays in einem Band.

 

Cover und Titel

Dieses Buch fällt dem geübten Leser in der Buchhandlung definitiv auf. Warum? Weil der Verlag sich hier nicht für ein übliches Hardcoverformat mit Schutzumschlag oder ein Taschenbuch entschieden hat, sondern für eine laminierte Pappbroschur, was bedeutet, dass das Cover direkt auf das Hardcover gestanzt wurde. Mir gefällt das unheimlich gut, da ich sowieso kein Freund der Hardcover mit Schutzumschlag bin. Das Covermotiv reiht sich ein in die Schlichtheit der Motive von Schirachs bisherigen Veröffentlichungen: dezente Farben, seriöse Schriftart, keine Bilder oder Schnörkeleien.
Der Titel spielt natürlich auf Artikel 1 des Grundgesetzes „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ an- augenscheinlich behauptet der Autor das Gegenteil und macht so auf sich aufmerksam. Clevere Schachzug 🙂

Mein Eindruck

Da ich bisher drei Werke des Autors („Schuld“, „Verbrechen“, „Der Fall Collini“) gelesen habe, von denen ich ausnahmslos angetan war, seine Essays aus dem Spiegel aber noch nicht kannte, war dieses Buch für mich ein absolutes Muss. Erst war ich skeptisch, ob es Ferdinand von Schirach gelingt, mich durch kurze Essays ebenso beeindrucken kann wie durch seine Kurzgeschichten bzw. Romane. Aber schon nach dem Einführungstext, der zugleich Namensgeber der Essaysammlung ist, war mir klar: auch dieses Buch werde ich liegen. Der Text ist ein fabelhafter Einstieg in die Lektüre und knüpft an die schon aus den vorherigen Büchern bekannten Fragen um Schuld und Strafe an.

Faszinierend finde ich an Schirachs Texten, dass es es ihm immer wieder gelingt, die richtigen Fragen zu stellen. Damit meine ich nicht Fragen, auf die man die Antwort gleich weiß, sondern eben solche, auf die man sie nicht weiß. Fragen, die man sich zum Teil selbst schon gestellt hat, deren Beantwortung aber fast unmöglich scheint. Das schönste Beispiel dafür ist sein Essay, in dem er eine Frage nach der anderen aneinanderreiht: „Verunsichert es Sie, dass Herr Rösler so jung aussieht? Oder ist das Ihnen egal? (…) Wäre Ihnen wohler, wenn in Ihrer Wohnung ein Kamin wäre? (…) Schreibt Frau Merkel ihrem Mann manchmal eine SMS, dass noch Milch eingekauft werden müsse? (…) Haben Sie schon einmal in einem Flughafen mit dem Gedanken gespielt, Ihr Gepäck unbeaufsichtigt zu lassen? (…) Geht es Ihnen gut?“ Als Leser verfolgt man unzählige kluge Gedankengänge des Autors, die manchmal nur angedeutet, manchmal auch näher erläutert werden, was automatisch dazu führt, dass man sich als Leser selbst reflektiert.

Auch wenn man kein Jurist ist, findet man sich in vielen seiner Anekdoten wieder: so schreibt er beispielsweise über die Revolution des Lesens (Ipad) , über die Schwierigkeiten und schönen Seiten des Schriftstellerdaseins, aber auch sehr persönliche Texte über seine Jugend im Internat und sein (Nicht-)Verhältnis zu seinem bekannten Großvater. Von seiner humorvollen Seite lernt man den Autor in seinem Essay über das Rauchen kennen, der mit einer herrlichen Pointe endet.

Mein Fazit: „Die Würde ist antastbar“ ist eine kurzweilige, unterhaltsame Lektüre, die man in einem Rutsch lesen kann. Ferdinand von Schirachs Essays überzeugen vor allem durch die von ihm diskutierten, spannenden Themen. Und auch wenn man vielleicht nicht immer einer Meinung mit dem Autor sein wird, ist dieser Band aufgrund der brillianten Fragestellungen eine empfehlenswerte Lektüre.

bewertung5

Ein herzliches Dankeschön an den Piper Verlag für das Rezensionsexemplar!