|Rezension| Die Kunst des Wartens – Catherine Charrier

Die Kunst über eine Affäre zu schreiben…

 

 

51qLDSHxEsLVerlag: Rowohlt
Übersetzer: Claudia Steinitz
Originaltitel: L‘ Attente
Gebundene Ausgabe: 19,95 Euro
Ebook: 16,99 Euro
Erscheinungsdatum: 30.05.2015
256 Seiten
„Ja, bei uns schreibt man hübsche Geschichten über Ehebruch, deren Leichtigkeit, Anmut und Charme aus den Alkoven von Versailles stammen. In Amerika macht man eine Tragödie daraus, ist es ein Weltuntergang wie in Eine verhängnisvolle Affäre.“ (S. 232)

 

Worum geht´s?

Eine französische Affäre, eine von einer jungen Autorin erzählte Liebesgeschichte mit zwei Männern, die in Paris und Nantes spielt. So vieles hängt vom richtigen Moment ab. Was aber, wenn dieser Moment nicht kommt? Marie steht zwischen zwei Männern. Sie ist eine selbständige, moderne Frau, sie hat alles, was man sich wünschen kann: einen lieben Ehemann, zwei Kinder, ein reges Sozialleben, gemütliches Heim, Erfolg im Job. Lange Zeit schien ihr Leben im Lot. Doch die Affäre mit dem um einiges älteren, verheirateten Roch bringt Marie um den Verstand. Sie will Roch nicht verlieren, aber ihren pragmatischen Ehemann und ihre zwei Kinder will sie auch nicht verlassen. Wochen, Monate, Jahre vergehen. Und plötzlich sind sie da, die Tage der Entscheidung.

 

Cover und Titel

Bei diesem Roman haben mich nur Titel und Klappentext angesprochen – das Cover weniger. Durch den Titel „Die Kunst des Wartens“ in Kombination mit der Inhaltsbeschreibung hat man eine recht genaue Vorstellung in welche Richtung die Geschichte geht. Außerdem impliziert der Titel bereits, dass es hier weniger um die Handlung sondern vielmehr um die Analyse einer Affäre und das damit verbundene Warten geht. 

Gut finde ich, dass der Verlag sich beim deutschen Titel am französischen Originaltitel „L‘ Attente“, der so viel wie „Das Warten“ bedeutet, orientiert hat, da dies tatsächlich der zentrale Aspekt des Romans ist. Das hätte man mal lieber auch beim Cover machen sollen, da ich das Motiv der Originalausgabe um einiges passender finde als diese komischen roten Frauenbeine in einem Schneckenhaus. Das soll wohl ausdrücken, dass die Protagonistin sich in einem Schneckenhaus versteckt, was meines Erachtens einen falschen Eindruck von der Geschichte vermittelt.

 

Mein Eindruck

Das „Warten“ ist grundsätzlich eine eher negativ Tätigkeit. Wer wartet schon gern? Aber welche Bedeutung hat das Warten in Liebesdingen? Kann es in diesem Kontext nicht vielleicht sogar etwas Positives bewirken wie Vorfreude auf den Liebsten/die Liebste? Genau mit dieser Frage setzt sich Catherine Charrier in ihrem Debütroman „Die Kunst des Wartens“ auseinander.

Hauptschauplätze der Geschichte sind Orte in Frankreich wie (natürlich) Paris oder kleinere umliegende Städte. Die Protagonistin Marie, aus deren Sicht erzählt wird, ist mit Paul verheiratet, Mutter zweier Kinder und hat eine Affäre mit Roch, der ebenfalls Vater und verheiratet ist.

In einem von französischen Autoren gewohnt (und von mir sehr gemochten) blumigen Sprachstil, der gleichzeitig sehr sensibel und empathisch ist, schildert die Autorin das Entstehen und Fortbestehen dieser Affäre. Beide lernen sich durch die Arbeit kennen, Roch verspricht Marie, seine Frau in einem Jahr zu verlassen, sollte ihre Affäre bis dahin andauern. Marie klammert sich an diese Aussage und beginnt zu diesem Zeitpunkt das Warten darauf, dass Roch nur ihr gehört. Deshalb sind die einzelnen Kapitel auch mit den Tagen des Wartens überschrieben (X+Anzahl der gewarteten Tage), was mir sehr gut gefallen hat, da es dem Leser das Ausmaß des Wartens besser vermittelt als eine bloße Datumsangabe. Zudem wird die Schilderung der Handlung immer wieder durch kursiv hervorgehobene intelligente, philophische Gedanken zum Warten unterbrochen, die den Roman zusätzlich aufwerten.

Das Warten ist nicht nur der zentrale Aspekt im Roman, sondern vor allem auch in Maries Leben. Alles dreht sich darum auf eine Nachricht, einen Anruf oder ein Treffen mit Roch zu warten. Während dies am Anfang noch den Reiz einer Affäre ausmacht und man das Warten förmlich genießt, schlägt dieses Gefühl bei Marie irgendwann um, da auch nach besagtem Jahr keine Änderung der Situation eintritt. Das Warten verlängert sich und wirkt sich immer mehr auf ihren Gemütszustand aus, der anfangs von einer ausgeprägten sexuellen Lust und später von Angst und Zweifeln dominiert wird. Wer sich selbst schon einmal in solch einer Situation befunden hat, wird sich in vielen von Maries Gedanken und Verhaltensmustern wiederfinden. Obwohl sie von ihrer Sehnsucht nach Liebe und sexueller Befriedigung getrieben ist, ist sie nicht vollkommen naiv und hinterfragt vieles, was sie in meinen Augen zu einer sehr authentischen Protagonistin macht.

 

Mein Fazit: „Die Kunst des Wartens“ unterscheidet sich ganz wesentlich von den üblichen Romanen über eine Affäre, indem Catherine Charrier den Leser in die Psyche einer Frau eintauchen lässt, die sich von sexueller Lust getrieben in eine Affäre stürzt, deren Folgen man am Anfang unmöglich ahnen kann. Dies ist keine einfache Liebesgeschichte, sondern vielmehr eine psychologische und philosophische Abhandlung über die Kunst des Wartens, die auf subtile Art und Weise die richtigen Fragen stellt und damit den Leser auch nachhaltig beeinflusst.

bewertung5

 
Vielen Dank an Weltbild Österreich für dieses Rezensionsexemplar.

 

Weitere Rezensionen zum Buch:

Durchleser | Karin Hahn Rezensionen

  • Lotta

    Hallöchen meine Liebste,
    ach das klingt irgendwie nach einem Buch für Mareike. 😀 Ich finde das ist irgendwie so genau ihr Schema. Vielleicht hat sie es sogar schon (gelesen)? Ich weiß es nicht. Ich bin ja nicht so sehr für solche Bücher zu haben, aber ich freue mich sehr, dass es dir gefallen hat! 😀

    Liebst, Lotta

    • booksinmyworld

      Liebste Lotta,

      da hast du recht. Eigentlich ein typisches Mareike-Buch. Da müssen wir sie doch mal dezent auf dieses Buch hinweisen 🙂

      Liebste Grüße
      deine Evi