|Rezension| Die Geheimnisse der Küche des Mittleren Westens – J. Ryan Stradal

Großartiger Schreibstil trifft originelle Familiengeschichte

 

51fXPow1+6LVerlag: Diogenes
Originaltitel: Kitchens of the Great Midwest
Übersetzung: Anna-Nina Kroll
Gebundene Ausgabe: 24,00 Euro
Ebook: 20,99 Euro
Erscheinungsdatum: 24.08.2016
448 Seiten
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„Cynthia hatte zwar einen Überbiss und zittere immer leicht, aber sie war eins achtzig groß und wunderschön. Nicht schön wie eine Statue oder ein Parfum-Model, sondern schön auf eine realistische Art, so wie ein LKW oder eine Pizza in dem Moment schön sind, in dem man sie am meisten braucht.“ (S.12)

 

Worum geht´s?

Eva Thorvalds Kochkunst ist legendär: Für einen Platz bei einem ihrer Pop-up-Dinner zahlt man vierstellige Beträge und wartet mehrere Jahre. Für Cynthia Hargreaves jedoch geht es dabei um mehr als bloße Gaumenfreuden, es ist ihre einzige Chance, um einen schrecklichen Fehler wiedergutzumachen. Eine Geschichte über die Familie, die man verliert, Freunde, die man findet, und Zufallsbekanntschaften, die ein ganzes Leben bestimmen.

Cover und Titel

Wäre mir dieser Roman nicht wärmstens empfohlen worden (Danke, Susanne!), hätte ich ihn in der Buchhandlung mit großer Wahrscheinlichkeit ignoriert, da weder Cover noch Titel in mein Beuteschema passen. Spätestens bei dem Wort „Küche“ im Titel hätte ich das Interesse verloren (eine Leidenschaft für’s Kochen ist in meinen Genen nicht angelegt) und das Covermotiv wirkt auch eher altbacken.

Jedes abgebildete Element, sei es die Tomaten- oder Paprikaranken, der Hirsch oder der Fisch hat eine Bedeutung in der Geschichte. Insofern ist das Cover ein Potpourri aus einzelnen Episoden des Romans und damit gut gewählt.

 

Mein Eindruck

Ich hatte ehrlich gesagt ein bisschen Angst vor diesem Roman. Einerseits haben mich Titel und Cover überhaupt nicht angesprochen, andererseits fand ich den Klappentext interessant und das wichtigste Argument: Er wurde mir empfohlen.

Der Einstieg in die Geschichte gelang mir mühelos. Stradal hat einen originellen Schreibstil, den man wohl am besten mit distanziert ironisch beschreiben könnte – genau mein Ding.

Die Rahmenhandlung ist die Lebensgeschichte von Eva Thorvald, wobei diese selbst gar nicht im Fokus steht. Sie ist vielmehr der rote Faden in einer perfekt konstruierten, sehr komplexen Geschichte. Dem Leser lernt immer wieder neue Protagonisten kennen, aus deren Perspektive ihr Alltag beleuchtet wird deren Verbindung zu Eva erst nach und nach klar wird.

Liest man den Klappentext, vermutet man hinter diesem Roman eine Mutter-Tochter-Geschichte. Das trifft allerdings nur zu 10% den Kern dieses komplexen Romans. Es ist nahezu unmöglich in wenigen Worten zusammenzufassen, um was es in „Die Geheimnisse der Küche des Mittleren Westens“ geht. Bei dem Titel des Romans könnte man meinen – oder in meinem Fall befürchten – dass es in diesem Roman überwiegend ums Kochen geht. Das ist (zu meinem Glück) nicht der Fall. Natürlich ist die Küche des Mittleren Westens immer wieder Thema. Die Kapitel sind nach Speisen benannt, Stradal liefert für die kochbegeisterten Leser sogar einige Rezepte und Menüpläne, die zum Nachkochen animieren, aber all dies nur am Rande und für mich in einem absolut erträglichen Maß.

Vielmehr erzählt Stradal den ungewöhnlichen Lebensweg Evas und springt dabei immer wieder in die Leben ihrer Weggefährten, die man im Laufe der Geschichte genauso gut kennenlernt wie die Protagonistin selbst. Manchmal war ich von diesen sprunghaften Wechseln zwischen den Episoden etwas überfordert, aber habe mich dennoch schnell wieder in das Geschehen eingefunden. Eine dieser Episoden hat mich zugegebenermaßen etwas gelangweilt (für die Insider: Backwettbewerb). Hier hätte die Geschichte gut 30 Seiten kürzer sein können. Aber darüber kann ich aufgrund des sehr gelungenen Schlusses locker hinweg sehen.

 

Mein Fazit:
„Die Geheimnisse des Küche des Mittleren Westens“ überzeugt durch einen beeindruckenden komplexen Plot, einen distanziert ironischen Schreibstil und faszinierende Charaktere, die sich in keine Schublade stecken lassen. Liebhaber der guten Küche werden hier genauso auf den Geschmack kommen (wortwörtlich) wie Liebhaber einer originellen, perfekt durchdachten Geschichte.

 

bewertung5

 

Vielen Dank an den Diogenes Verlag für dieses Rezensionsexemplar.
  • Ich wusste gar nicht, dass du das Buch bereits gelesen hast. Ich hab es nämlich gewonnen und mich noch gar nicht näher damit befasst. Auf den ersten Blick hat es mich (obwohl Küche!) nicht wirklich interessiert. Wenn ich deine Rezension jetzt aber so lese, dann sollte ich das Buch wohl doch bald lesen. 🙂

    Liebe Grüße
    Petzi