|Rezension| Dich tanzen zu sehen – Maggie Shipstead

Ein beeindruckender Roman über das Leben und die Leidenschaft einer Balletttänzerin

 

819BEPBxowLVerlag: dtv
Übersetzer: Karen Nölle
Originaltitel: Astonish me
Broschur: 16,90 Euro
Ebook: 14,99 Euro
Erscheinungsdatum: 20.11.2015
368 Seiten
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„’Manchmal frage ich mich (…) wie man wissen kann, ob man das, was man zu fühlen meint, auch wirklich fühlt. So ähnlich, wie man eigentlich nicht wissen kann, ob alle die gleichen Farben sehen, weißt du? Oder ob wir alle auf dieselbe Art glücklich sind?'“ (S. 28)

Worum geht´s?

Joan steht der Abschied vom Ballett bevor: Sie ist schwanger und ihre Karriere als Tänzerin beendet, bevor sie richtig beginnt – falls sie denn jemals begonnen hätte. Sie heiratet ihren alten Schulfreund Jacob, und das Paar zieht aus New York an die Westküste, wo sich beide stumm nach der Welt des Balletts verzehren: Joan nach dem Tanz, Jacob nach der Tänzerin, die Joan einst gewesen ist. Doch ein Leben für den Tanz bedeutet nicht nur Drama, sondern auch hochfliegende Hoffnungen, stürmische Gefühle, erhabene Momente, und Joan ist und bleibt eine Tänzerin …

 

Cover und Titel

Interessanterweise dachte ich beim ersten Blick auf das Buch trotz des Titels und des Covers, auf dem man die Rückansicht einer sich in einer Drehung befindlichen Frau sieht, sofort an eine Liebesgeschichte und nicht an eine Geschichte über das Tanzen. Vermutlich liegt das an der Formulierung des Titels „Dich (!) tanzen zu sehen“, bei dem ich assoziierte: Mann schaut Frau verliebt beim Tanzen zu. Überraschenderweise ist es im Plot genau andersherum: eine Frau schaut einem Mann beim Tanzen zu und ist zutiefst beeindruckt und voller Liebe für diesen Mann und seine Art zu tanzen. Der Originaltitel lautet übrigens „Astonish me“ („Erstaune mich“), was zunächst gar keine Verbindung zum Tanzen preisgibt. Auch das Originalcover gibt keinen Hinweis darauf, dass diese Geschichte etwas mit dem Ballett zu tun hat.

Da sowohl Titel als auch Covermotiv der deutschen Erstausgabe das Tanzen in den Fokus rücken und dieses in der Geschichte tatsächlich auch im Fokus steht, halte ich die Ausgabe des dtv Verlags für absolut gelungen.

 

Mein Eindruck

Diesen Roman zu lesen ist wie ein Ballett anzusehen: Man ist vom Können der Darsteller zutiefst beeindruckt und gefesselt, die Bedeutung einzelner Elemente erschließt sich einem aber (wenn überhaupt) erst rückwirkend.

Maggie Shipstead schreibt mit „Dich tanzen zu sehen“ eine anspruchsvolle Geschichte über die amerikanische Balletttänzerin Joan, die ihre Karriere in den 70er Jahren aufgrund einer Schwangerschaft beendet, deren Leben aber nach wie vor vom Ballett bestimmt wird. Das klingt vielleicht nicht besonders aufregend  – ganz ehrlich, das ist es auch nicht. Aber das ist überhaupt nicht schlimm. Dieser Roman ist kein spannender Pageturner, sondern vielmehr ein komplexes Gebilde, in das man durch die angenehm unaufgeregte Sprache der Autorin eintaucht, sich ihm komplett hingibt und förmlich versinkt in der Welt des Balletts mit ihren Sonnen- und Schattenseiten.

Die Autorin hat sich dafür entschieden, ihre Geschichte nicht stringent zu erzählen, was ihr einen zusätzlichen Reiz verleiht. Stattdessen springt sie zwischen den Jahren hin und her, überschreibt die Kapitel jedoch mit der entsprechenden Jahreszahl, so dass man dem Verlauf der Geschichte dennoch gut folgen kann.

Es ist schwer in Worte zu fassen, was diesen Roman so lesenswert macht. Definitiv ist es zum einen der sehr authentische Einblick in die Welt des Balletts und dessen Wandel in den vergangenen 40 Jahren. Zum anderen (und für mich entscheidender) ist es die Art und Weise wie Maggie Shipstead eine unheimlich gut durchdachte und bis ins kleinste Detail stimmige Biografie erzählt, deren Grundtenor melodramatisch ist, allerdings mit viel melo und wenig Drama. Es sind durchweg leise Töne und überraschende Wendungen, die die Geschichte ausmachen und keine höchst dramatischen Ereignisse oder feurige Dialoge. Die Autorin schreibt von geplatzten Lebensträumen, unglücklichen Liebenden, von unerfüllten Wünschen und ungewöhnlichen Beziehungsmodellen – alles Stoff, der wenig Heiteres impliziert. Und trotzdem ist man am Ende des Romans, der im Übrigen ein sehr guter, befriedigender Abschluss ist, nicht deprimiert, sondern vielmehr beeindruckt von Maggie Shipsteads unglaublichen Talent für gute Geschichten.

Obwohl mich „Dich tanzen zu sehen“ insgesamt überzeugen konnte und ich diesen Roman auf jeden Fall auch weiterempfehlen würde, gibt es zwei Kleinigkeiten, die ich kritisieren muss. Zum einen sind es die zumindest am Anfang recht häufigen französischen Dialoge, die leider nicht übersetzt werden, für den Verlauf der Geschichte aber nicht unwichtig sind. Kann man kein Französisch (wie ich), ist man gezwungen, die entsprechenden Passagen per online Wörterbuch zu übersetzen, was ziemlich mühselig ist. Zum anderen war es mir zum Teil dann doch zu Ballett-lastig, soll heißen, ich war etwas gelangweilt von den Schilderungen einzelner Elemente, Bewegungen und Bühnenstücke, was aber vor allem daran liegt, dass die Welt des Balletts für mich ein Buch mit 7 Siegeln ist.

Mein Fazit: Mit „Dich tanzen zu sehen“ schafft Maggie Shipstead einen abwechslungsreichen, meldodramatischen Tanz durch vier Jahrzehnte, bei dem Liebe, Freundschaft, geplatzte Träume, politische Gegebenheiten und Homosexualität eine Rolle spielen und dessen roter Faden die Leidenschaft für das Ballett ist, für das man sich zumindest interessieren muss, um Gefallen an diesem Roman zu finden. Diese Geschichte bleibt mir definitiv nachhaltig im Kopf und ist allein deshalb unbedingt eine Empfehlung wert.

 

Bewertung4

 

Vielen Dank an den dtv Verlag für dieses Rezensionsexemplar!

 

 

Weitere Rezensionen zum Buch:
  • primeballerina

    Ach, so schön, dass dir das Buch gefallen hat! 🙂