|Rezension| Der weite Raum der Zeit – Jeanette Winterson

Ein 400 Jahre altes Stück beeindruckend neu erzählt

 

411oVQ8oxZLVerlag: Knaus
Originaltitel: The Gap of Time
Übersetzung: Sabine Schwenk
Gebundene Ausgabe: 19,99 Euro
Ebook: 15,99 Euro
Erscheinungsdatum: 11.04.2016
288 Seiten
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„’Was du getan hast, kannst du nicht ändern. Nur was du tust, kannst du ändern.‘ – ‚Du hörst dich an wie ein wandelnder Kühlschrankmagnet.‘ (…)“. (S.156)

 

Worum geht´s?

Der Londoner Investmentbanker Leo verdächtigt seine schwangere Frau MiMi, ihn mit seinem Jugendfreund Xeno zu betrügen. In rasender Eifersucht und blind gegenüber allen gegenteiligen Beweisen verstößt er MiMi und seine neugeborene Tochter Perdita. Durch einen glücklichen Zufall findet der Barpianist Shep das Baby und nimmt es mit nach Hause. Jahre später verliebt sich das Mädchen in einen jungen Mann – Xenos einzigen Sohn. Zusammen machen sie sich auf, das Rätsel ihrer Herkunft zu lösen und alte Wunden zu heilen, damit der Bann der Vergangenheit endlich gebrochen wird.

Jeanette Winterson spielt souverän mit Figuren und Handlung aus Shakespeares „Das Wintermärchen“ und erzählt eine verblüffend moderne Geschichte über rasende Eifersucht, blinden Selbsthass und die tiefe Sehnsucht in uns, die Fehler der Vergangenheit wieder gut zu machen.

 

Cover und Titel

Zu diesem Cover habe ich zwiespältige Gefühle. Aus einem mir unbekannten Grund hat es mich sofort angesprochen. Dabei finde ich weder die Feder im Hintergrund noch den Titel „Der weite Raum der Zeit“ im Vordergrund ansprechend. Möglicherweise ist es die Farbkombination aus Türkis und Gelb, die mich anspricht. Ich kann es mir nicht so recht erklären. Den Titel des Romans konnte ich mir übrigens aufgrund seiner Abstraktkeit bis zuletzt nicht merken. Und das obwohl diese Wortkombination im Roman immer wieder aufgegriffen wird. Trotzdem geht es mir mit dem Titel wie mit den Nicholas Sparks Titeln – ich merk sie mir einfach nicht.

 

Mein Eindruck

Ich gebe zu: Von Shakespeare habe ich nur wenige Werke gelesen und „Das Wintermärchen“ war nicht dabei. Ich habe diesen Roman also nicht aufgrund meines großen Interesses für Shakespeare sondern weil mich der Klappentext angesprochen hat, zur Hand genommen.

Jeanette Winterson macht es Laien wie mir aber leicht, den Shakespeare-Bezug herzustellen ohne das Originalwerk zu kennen, indem sie ihrer Geschichte eine Zusammenfassung des „Wintermärchens“ voranstellt. Mir hat das sehr geholfen die Parallen im Roman zu ziehen – man konnte so leicht nochmal zurückblättern, wenn man sich fragte „Wie war das bei Shakespeare nochmal?“

Aber nun zur eigentlichen Story: Jeanette Winterson erzählt in einer sehr eigenen, anspruchsvollen Sprache die Geschichte des eifersüchtigen Leo, der seiner schwangeren Künstler-Ehefrau unterstellt, ihr ungeborenes Kind wäre nicht von ihm, sondern seinem besten Freund. Dabei passt sie sich sprachlich der aktuellen Zeit an, orientiert sich lediglich durch eingefügte „Pausen“ zwischen den einzelnen Teilen des Romans an der Form des Originals.

Ich könnte mir vorstellen, dass man als Shakespeare-Liebhaber von den teilweise derben Szenen, die ungeschönt geschildert werden, verschreckt wird. Auch ich war wirklich überrascht von der Mischung aus ausdrucksstarker, klugen Sprache und der Derbheit mancher (oft sexueller) Szenen.

Den Fokus legt die Autorin aber auf die innere Zerrissenheit der Protagonisten. Scheinbar absolut irrationales Verhalten wird detailliert beleuchtet. Obwohl zu Anfang die Sympathien klar verteilt sind, verschiebt sich dieses Bild nach und nach, so dass ich zum Schluss zumindest Verständnis für das Verhalten der Protagonisten hatte. Wirkliche Sympathieträger gibt es in dieser Geschichte letztlich nicht. Jeanette Wintersons Talent liegt darin eine unglaubwürdige Geschichte, in der Zufälle eine große Rolle spielen, glaubhaft werden zu lassen.

Widersprüchliche Gefühle sind es, die die Handlungen der Protagonisten bestimmen, den Verlauf so unvorhersehbar und damit spannend machen. Die Handlung schreitet rasant voran und zum Ende hin überschlagen sich die Ereignisse, was mir persönlich dann doch etwas zu schnell ging. Vom Schluss habe ich mir irgendwie nach so einer gut konstruierten, originellen Geschichte mehr erwartet.

Versöhnt wurde ich mit dieser kleinen Enttäuschung durch einen Blick auf den Buchumschlag. Dort ist nämlich zu lesen, dass es gewisse Parallelen zwischen dem Leben der Autorin und einer ihrer Figuren gibt, was die Authentizität dieser Rolle erklärt.

 

Mein Fazit:
„Der weite Raum der Zeit“ ist definitiv eine kleine Perle im Bücher-Ozean, da die Autorin dem Shakespeare-Interessierten aber auch Shakespeare-Laien ein sprachlich sehr ansprechendes „Wintermärchen“-Cover bietet, das lediglich durch teilweise sehr derbe Szenen und ein zu rasches Ende ein bisschen von seinem Glanz verliert. Jeanette Winterson werde ich mir als Autorin auf jeden Fall vormerken.

 

Bewertung4

 

Vielen Dank an den Knaus Verlag für dieses Rezensionsexemplar.

 

Weitere Rezensionen zum Buch:
  • literaturELLE

    Trau Dich @kerstinscheuersblog:disqus.

    Du, liebe Evi hast ganz recht, denn hier wird Lesemut belohnt! Ich kannte das Wintermärchen vorher auch nicht und trotzdem nahm mich der Roman ziemlich gefangen. Es stimmt, die weibliche Leser-Seele muss in dieser Shakespeare-Fassung einiges aushalten können.
    Der Roman ist rasant und intensiv und eben auch eine Entdeckung 🙂

    GLG von Katja
    http://literaturelle.de/shakespeare-projekt/

  • KerstinScheuersBlog

    Jaaa… das Shakespeare Projekt reizt mich ja auch schon sehr, aber bislang habe ich mich nicht herangetraut, weil ich nur „Ein Sommernachtstraum“ kenne. Jetzt, wo aber schreibst, dass man keine großen Shakespeare-Kenntnisse braucht, werde ich es wohl doch bald in Angriff nehmen.

    • booksinmyworld

      Huhu liebe Kerstin,

      die Zusammenfassung des Werkes zu Beginn ist echt super verständlich und war mir auch eine große Hilfe. Du kannst dich ruhig trauen. Es lohnt sich. Aber sei gewarnt: Manchmal herrscht ein sehr rauer Ton. Das muss man abkönnen.

      Liebe Grüße
      Evi