|Rezension| Das Liebesleben des Nathaniel P. – Adelle Waldman

Über das Liebesleben geschlechtsreifer Großstädter…

 

 

41ssUi2HpfLVerlag: Liebeskind
Übersetzung: Ulrike Wasel Klaus Timmermann
Originaltitel: The Love Affairs of Nathaniel P.
Gebundene Ausgabe: 19,90 Euro
Ebook: 14,99 Euro
Erscheinungsdatum: 15.06.2015
304 Seiten
„Sie fand, er war ihr schuldig, jemand zu sein, den sie respektieren konnte. Und das beinhaltete unter anderem, keine schlechten Witze zu machen. Es beinhaltete auch, liebevoll zu sein, aber nicht zu liebevoll, aufmerksam, aber nicht zu aufmerksam, klug, aber nicht besserwisserisch – und noch vieles mehr.“ (S. 134)

 

Worum geht´s?

Eigentlich könnte es kaum besser laufen für Nathaniel Piven. Er hat seinen ersten Buchvertrag in der Tasche, schreibt für angesagte Magazine und tummelt sich in der hippen Kulturszene von Brooklyn. Auch sein Liebesleben hat Aufwind. Seine Exfreundin Elisa versucht, ihn wieder zu verführen, die attraktive Greer flirtet mit ihm, und als er die intelligente, selbstbewusste Hannah kennenlernt und eine Beziehung mit ihr eingeht, scheint das Glück endgültig vor seiner Tür zu stehen. Das Problem ist nur, dass Nate es nicht hereinlässt. Je ernster es zwischen ihm und Hannah wird, desto mehr wird er von Zweifeln geplagt. Ist er tatsächlich bereit, sich jetzt schon zu binden? Ist Hannah wirklich die richtige Frau? Ein quälender Zerfallsprozess beginnt … Scharfsinnig und mit großer Beobachtungsgabe seziert Adelle Waldman die Psyche des modernen Mannes und sein Verhältnis zu Frauen. Ihr viel diskutierter Bestseller ist ein humorvolles, aber auch entlarvendes Porträt einer Generation, die alles hinterfragt, sich aber bei der ersten aller Fragen – wie passen Männer und Frauen überhaupt zusammen? – immer wieder selbst im Wege steht.

 

Cover und Titel

Dieser Roman ist mit seinem außergewöhnlichen Cover ein absoluter Hingucker. Die abgebildeten bunten Scherenschnitte von 11 Frauen, die nach links schauen und einem Mann, der nach rechts blickt, machen den Leser zusammen mit dem Titel „Das Liebesleben des Nathaniel P.“ sofort neugierig. Das Covermotiv macht deutlich, dass es sich nicht um eine herkömmliche Liebesromanze handelt, sondern verspricht durch seine Gestaltung, die zwar auffällig, aber in Schrifttypus und grundsätzlichem Erscheinungsbild dennoch schlicht ist, weil sie auf Fotografien o.ä. verzichtet, eher einen anspruchsvollen Roman.

Hervorhebenswert ist außerdem die Tatsache, dass der Liebeskind Verlag sich beim deutschen Titel für die Übersetzung des Originaltitels „The Love Affairs of Nathaniel P.“ entschieden hat. Es könnte auch einfach keinen treffenderen Titel für diese Geschichte geben.

 

Mein Eindruck

Ist es möglich als Frau einen authentischen Roman aus der Sicht eines Mannes zu schreiben? Werden da nicht eher Klischees bedient und Vorurteile verarbeitet? Ich muss zugeben, dass ich mich mit einer großen Portion Skepsis an Adelle Waldmans „Das Liebesleben des Nathaniel P.“ gewagt habe. Umso schöner ist, an dieser Stelle konstatieren zu können: Ja, es ist möglich als Frau glaubwürdig über das Liebesleben eines Mannes zu schreiben.

 

Adelle Waldmans Protagonisten Nathaniel (Nate) ist wohl das was man heutzutage einen Hipster nennt: Ein Mittvierziger Großstädter, der von seinen Tantiemen als Schriftsteller in einem Viertel lebt, das gerade einer Gentrifizierung unterzogen wird, der in Harvard studiert hat und kein typischer Schönling ist, aber halbwegs ansehnlich. Schon auf den ersten Seiten des Buches wird Nates großes Problem deutlich: Die Frauen halten ihn für ein Arschloch, obwohl er selbst sich wohl als ziemlich nett und einfühlsam charakterisieren würde.  Seine Geschichte beginnt mit dem Aufeinandertreffen mit einer Ex-Freundin, die ihm auf offener Straße mitteilt, was sie von Nates Verhalten damals hält. Als Leser gewinnt man hier schon mal einen guten Eindruck vom Grundproblem dieses Single-Mannes: Er hält sich selbst für beziehungsunfähig, handelt jedoch immer entgegen dieser Theorie, so dass – wenn wundert’s – die Frauen in den meisten Fällen kein gutes Bild von Nate haben.
 

Der Fokus dieses Romans liegt nicht etwa auf großen Dramen und Gefühlen, sondern vielmehr auf einer Selbstreflexion des Protagonisten hinsichtlich seines Verhaltens in Beziehungen. Dabei bedient sich Adelle Waldman einer intelligenten, gradlinigen Sprache, die es leicht macht, den Überlegungen Nates zu folgen. Sie verzichtet gänzlich auf ablenkende Nebenhandlungen und konzentriert sich stattdessen vielmehr auf eine nahezu soziologische, manchmal auch philosophische Betrachtung des Verhaltens von Männern und Frauen in Beziehungsangelegenheiten. Denn hier geht es keineswegs nur um die Demaskierung des Männerverhaltens – auch die Frauen kommen nicht zu kurz. Auch ihre Eigenarten und Schwierigkeiten werden vortrefflich dargestellt. Das beste Beispiel ist meines Erachtens das obige Zitat.

 

Auch wenn man – gerade nach der Einstiegsszene – das Gefühl hat, dass mit dem Protagonisten Nate Klischees bedient werden (Arschloch-Typ, der den Frauen nur was vormacht), wird man diese Meinung umso mehr revidieren umso mehr man in die Geschichte einsteigt, die Nates vergangenen und gegenwärtigen Beziehungen thematisiert die damit verbundenen Probleme aufzeigt ohne direkte Lösungsmodelle anzubieten. Und genau dies ist die Stärke des Romans: Es werden die Schwierigkeiten eines Mannes aufgezeigt, der einerseits Angst hat sich zu binden, sich andererseits aber nach Nähe sehnt und es nicht nur auf die schnelle Nummer abgesehen hat. Wie sich dieses Problem lösen lässt, wissen weder die Autorin noch Nate, aber es lohnt sich dennoch darüber nachzudenken.
 

Mein Fazit: Mit „Das Liebesleben des Nathaniel P.“ beweist Adelle Waldman, dass es sehr wohl möglich ist als Frau authentisch aus der Perspektive eines Mannes über Liebesdinge zu schreiben. Wer hier einen klassischen Liebesroman mit großen Gefühlen und viel Sex erwartet, wird vermutlich enttäuscht sein. Lesern, die sich gern auch mal mit kontroversen Gedanken über Beziehungen auseinandersetzen und sich nicht vor einer soziologischen Betrachtung des Mann-Frau-Verhaltens scheuen, kann dieser Roman jedoch vorbehaltlos empfohlen werden.

 

Bewertung4
 

Vielen Dank an den Liebeskind Verlag für dieses Rezensionsexemplar.

 

Weitere Rezensionen zum Buch:

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  • Lotta

    Hallöchen meine liebste Evi,
    ich freue mich, dass dir das Buch doch so gut gefallen hat! 😀 Ich habe ja irgendwie gedacht, dass die Bewertung schlechter ausfallen würde. o: Aber schön. Das Buch klingt wirklich genau nach Mareike. Eigentlich könntet ihr nicht verschiedener sein, aufgrund deiner young adult Leidenschaft, aber in manchmal Punkten ähnelt ihr euch doch. ^^

    Liebst, Lotta