|Rezension| Das gläserne Klavier – Miriam Toews

Bedrückende Lektüre mit Stärken und Schwächen

 

215bdb6e9fVerlag: Berlin Verlag
Originaltitel: All my puny sorrows
Übersetzung: Monika Baark
Gebundene Ausgabe: 22,00 Euro
Ebook: 17,99 Euro
Erscheinungsdatum: 02.05.2016
368 Seiten
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„Mein Gott, sagt sie, ist dir klar, dass das Wort Alter mein letztes Wort auf dieser Welt hätte sein können? Versprichst du mir, den Leuten zu erzählen, es wäre was anderes gewesen, mir zuliebe?

Mach ich, sagte ich. Verlass dich auf mich. Welches Wort hättest du denn gern?

Och, ich weiß nicht, sagte sie. So was wie >schwuppdiwupp< oder so.“ (S.179)

 

Worum geht´s?

Elfrieda von Riesen ist eine umjubelte Konzertpianistin, reich, berühmt, verheiratet mit dem Mann, den sie liebt. Ihre Schwester Yoli ist pleite, geschieden und schläft unfehlbar mit den falschen Männern. Unterschiedlicher könnten zwei Schwestern nicht sein. Und doch gibt es niemanden, dem sie näher stünden als einander. Aber Elfrieda will nicht mehr leben. Kurz vor ihrer neuen Welttournee bricht sie zusammen und bittet ihre Schwester um das Unmögliche, bittet sie um diesen letzten Dienst, der bei weitem das übersteigt, was einem Menschen zumutbar ist. Während ihr Agent sie verzweifelt zu erreichen versucht, setzt Yoli alles daran, Elfrieda Kraft und Zuversicht einzuflößen, sie für die Tour fit zu machen. Sie kämpft aus Leibeskräften. Denn wie sollte man einem solchen Wunsch entsprechen? In ihrem neuen Roman erzählt Miriam Toews von der Liebe zweier Schwestern, von einer Familie, die zusammenrückt und mit Witz und Menschlichkeit den Zumutungen des Lebens trotzt. Und ihr gelingt das Unglaubliche: selbst angesichts des Schwersten bringt sie uns zum Lachen.
 

Cover und Titel

Das Cover des Romans hat mich sofort angesprochen. Diese schlichte Gestaltung in schwarz und weiß vermittelt eine gewisse Eleganz, die mich magisch angezogen hat. Man sieht lediglich die Hälfte einer weiblichen Körpermitte, die ein schwarz-weiß gestreiftes Kleid trägt und hat natürlich sofort die Assoziation zum im Titel erwähnten Klavier.

Der Titel „Das gläserne Klavier“ klingt ein wenig nach einem Märchen, inhaltlich könnte der Roman aber nicht weiter von einem Märchen entfernt sein. Der Titel bezieht sich auf den Zustand einer der Protagonistinnen –   die Beschreibung dieses Zustands ist eine Schlüsselszene, weshalb ich den Titel sehr gelungen finde.
 

Mein Eindruck

Der Einstieg in „Das gläserne Klavier“ ist mir schwer gefallen. Erzählt wird aus der Sicht von Yolandi, die sich anfangs an ihre Kindheit mit ihrer Schwester Elf erinnert. Auch im weiteren Verlauf der Handlung steht ihre Beziehung zu ihrer Schwester stets im Vordergrund. Dabei erfährt der Leser aber kaum etwas über Elfs Gefühle, da eben nur aus Yolandis Perspektive erzählt wird.

Für mich war der Schreibstil der Autorin vermutlich deshalb so schwierig, weil man das Gefühl hatte, in Yolandis Kopf zu sitzen. Oftmals waren ihre Gedanken und Gefühle sprunghaft, es gab keine Stringenz – eben wie in einem Gedankenkarussel. Obwohl das natürlich sehr authentisch ist, weil man nun mal nicht stringent denkt, empfand ich das Lesen immer etwas anstrengend. Möglicherweise lag das auch an der unkenntlichen wörtlichen Rede. Ich weiß gar nicht, was das für ein Stilmittel sein soll, die Anführungszeichen wegzulassen. Ich finde jedenfalls, dass es den Text unübersichtlich macht.

Das große Talent der Autorin liegt meines Erachtens in der skizzierten Vielschichtigkeit der Charaktere. Wie sie eben nicht nur schwarz oder weiß denken, ihre Meinungen auch mal ändern und nicht rational handeln.

Das Thema Depression und Selbstmordgedanken ist insgesamt sehr bedrückend und wird auch dementsprechend geschildert. Auch wenn Miriam Toews auch oft witzig und ironisch schreibt, habe ich insgesamt fast zwei Wochen gebraucht, um diesen Roman zu lesen. Ich musste immer wieder pausieren, um mich vom Gelesenen nicht so runterziehen zu lassen.

Das soll aber keineswegs bedeuten, dass dies ein schlechtes Buch ist. Ganz im Gegenteil. Man merkt schon beim Lesen, dass die Autorin sehr genau weiß wovon sie da schreibt. Dies bestätigt sich in der Danksagung, in der Miriam Toews andeutet, dass der Roman autobiografisch geprägt ist. Sie thematisiert Depressionen und den schwierigen Umgang mit selbstmordgefährdeten Menschen, die man liebt, auf sehr authentische und sensible Weise.

Das Ende des Romans empfand ich als sehr gelungen. Es ist authentisch, der schwierigen Thematik angemessen und rundet den Plot gut ab.
 

Mein Fazit:

„Das gläserne Klavier“ ist ein autobiografisch geprägter Roman, in dem eine Beziehung zwischen zwei Schwestern im Mittelpunkt steht, von denen eine Selbstmordgedanken in sich trägt und die andere versucht damit umzugehen. Miriam Toews schreibt sehr außergewöhnlich über ein ernstes Thema. Mit diesem ungewöhnlichen Schreibstil konnte ich bis zuletzt nicht warm werden, dennoch bereue ich es nicht, diesen Roman gelesen zu haben, da er inhaltlich definitiv eine Bereicherung ist.

 

Bewertung3

 

Vielen Dank an Weltbild Österreich für dieses Rezensionsexemplar.

 

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