|Rezension| Briefe an Charley – Annette Pehnt

Die Sprache überzeugt – das Konzept leider nicht!

Briefe an CharleyVerlag: Piper
Gebundene Ausgabe: 18,00 Euro
Ebook: 15,99 Euro
Erscheinungsdatum: 14.09.2015
176 Seiten
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„Und wenn andere Frauen ihm ins Auge fallen, schaut er einfach an ihnen vorbei, ohne dass sie es merken, er lässt seinen Blick verschwimmen, bis sie unscharf werden und zu dem werden, was sie sind: nicht seine Frau.“ (S.101)

Worum geht´s?

Charley ist weg, schon lange. Aber seine Gefährtin lässt nicht ab von ihm. Zwar hat Charley sie verlassen, aber sie verlässt ihn noch lange nicht. Immer noch ist er ihr Gegenüber, ihr Gesprächspartner, sie denkt für ihn mit, sie sammelt Fundstücke für ihn, sie liest ihm vor, schreibt ihm Geschichten und führt Listen. In ihren Briefen an ihn dreht und wendet sie die gemeinsame Zeit. Wut, Verlassenheit, Sehnsucht und Erinnerungen wechseln einander ab. So erfindet sie Charley jeden Tag neu. Und mit dem Schreiben wächst die Macht über ihren Geliebten: Die Erzählerin allein bestimmt, wer Charley war und ist. Zugleich geraten für alle Beteiligten Gewissheiten ins Rutschen: Wie war es damals wirklich?

 

Cover und Titel

Das Cover von „Briefe an Charley“ ist genauso rätselhaft wie der Inhalt des Buches. Zu sehen sind eine Schneelandschaft mit Disteln (oder etwas ähnlichem – ich hab’s nicht so mit Pflanzen) sowie ein Hund, der im Schnee läuft. Der Zusammenhang mit dem Inhalt des Romans offenbart sich mir nicht – allerdings impliziert diese Art von Covermotiv mit den gedeckten Farben in meinen Augen unmittelbar, dass es sich hier um einen anspruchsvollen, leicht bedrückenden Roman handelt, was letztlich auch zutrifft.

Im Zentrum des Covermotivs steht der Titel, der aus 2 Schriftarten besteht, was mir persönlich nicht so gefällt. Die farbliche Gestaltung von Cover und Schrift halte ich hingegen für stimmig.

Der Titel „Briefe an Charley“ beschreibt schlicht den Inhalt des Romans, der eben aus jenen Briefen einer Frau an ihren Verflossenen namens Charley besteht.

 

Mein Eindruck

Meinen Eindruck zu diesem Briefroman – es ist mir nicht ganz klar, ob man ihn überhaupt als solchen bezeichnen kann, da klassische Bestandteile wie Anrede und Grußformel fehlen – in Worte zu fassen, fällt mir unheimlich schwer. Grund dafür sind meine zwiespältigen Gefühle beim Lesen. Gerade zu Beginn war ich oft versucht, das Buch abzubrechen, weil ich keinen Zugang zur Geschichte fand, doch plötzlich hatte ich mich in die Sprache der Autorin verliebt und wollte am liebsten auf jeder Seite mindestens ein Zitat markieren. Dennoch hat mich das Gesamtkonzept von „Briefe an Charley“ nicht überzeugt.

Eine Frau mittleren Alters schreibt täglich (die Kapitel sind mit fortlaufendem Datum überschrieben) Briefe unterschiedlicher Länge an Charley, der diese jedoch nie bekommt, weil sie sie nicht abschickt. Den meisten Briefen vorangestellt werden Zitate aus Roland Barthes‘ Klassiker „Fragmente einer Sprache der Liebe“ von 1977, die Gedanken rund um das Schreiben und die Liebe umfassen. In den Briefen beschreibt sie Alltagssituationen, wie es zur Trennung von Charley kam und reflektiert zu einem großen Teil auch über das Briefeschreiben an sich. Dieses Grundgerüst des Romans empfand ich generell als ansprechend, wenn da nicht die Unterbrechungen durch „schlechte Geschichten“ und „Versionen über Charley“ wären. Während letzteres noch einigermaßen Unterhaltungswert bot, indem die Autorin der Briefe sich ausmalt wie Charley jetzt wohl lebt, hat sich mir der Sinn von den „schlechten Geschichten“, die genau als solche überschrieben sind, überhaupt nicht erschlossen.

Wie in der Überschrift und eingangs schon angedeutet, haben mich die Ausdrucksweise und der ungewöhnliche Sprachstil der Autorin hingegen sehr angesprochen. Auch wenn ihre teilweise unvollständigen Sätze am Anfang etwas befremdlich wirken, gewöhnt man sich schnell an dieses außergewöhnliche Stilmittel. Vor allem haben es mir Annette Pehnts Gedanken über die Liebe und Beziehungen im Allgemeinen angetan. Sie trifft den Nagel mit ihren Überlegungen nicht nur einmal auf den Kopf (siehe Zitat oben). Woran ich mich aber beim Lesen nicht gewöhnen konnte, war die Verwendung von Großbuchstaben jedes Mal wenn der Name Charley auftauchte. Das störte meinen Lesefluss ungemein und der Sinn dahinter erschließt sich mir auch nicht.

Das Ende von „Briefe an Charley“ hat mir gut gefallen: Es ist ein befriedigender Abschluss, der zudem für mich nicht vorhersehbar war.

Mein Fazit: Annette Pehnt ist definitiv eine Schriftstellerin vor der man aufgrund ihrer unvergleichlichen Ausdrucksweise den Hut ziehen muss. Das Konzept von „Briefe an Charley“ konnte mich allerdings aus verschiedenen Gründen nicht überzeugen, weshalb ich dieses Buch vor allem Lesern, die einen leichten Liebes-Brief-Roman erwarten, nicht empfehlen kann. Wer allerdings auf der Suche nach einem ungewöhnlichen Briefroman ist, der von den üblichen Mustern abweicht und durch eine kluge Sprache überzeugt, sollte es mit „Briefe an Charley“ versuchen.

 

Bewertung3

Vielen Dank an den Piper Verlag für dieses Rezensionsexemplar.

 

Weitere Rezension zum Buch:
  • Lotta

    Hallöchen meine herzallerliebste Evi,
    dann weiß ich genau, welches Buch ich nicht lesen werde. ^^
    Ich glaube, das solche Geschichten einfach nichts für mich sind. Ich brauche etwas, dass sich einigermaßen leicht lesen lässt. Ich will beim Lesen nicht überlegen müssen! Einfach abtauchen und dann ist gut.
    Schade, dass es nicht so schön leicht war. Ich mag Briefromane eigentlich gerne.

    Liebst, Lotta

    • booksinmyworld

      Meine liebste Lotta,
      zum Abtauchen ist dieses Buch wahrlich das falsche. Gut, dass das in meiner Rezension scheinbar auch rübergekommen ist 🙂
      Ich bin ja auch ein großer Fan von Briefromanen. Wenn ich da nur an „Gut gegen Nordwind“ denke… Schmacht! Aber dieser hier ist eben kein Briefroman im klassischen Sinne und vermutlich deshalb so schwer verdaulich.
      Aber der nächste Briefroman, der uns beiden gefällt, kommt bestimmt! 🙂

      Liebste Grüße
      deine Evi