|Rezension| Blauschmuck – Katharina Winkler

Wie ein Bad in eiskaltem Wasser…

 

42510Verlag: Suhrkamp
Gebundene Ausgabe: 18,95 Euro
Ebook: 15,99 Euro
Erscheinungsdatum: 08.02.2016
176 Seiten
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„Halil darf nicht mehr in meinem Bett schlafen. Er darf nicht mehr Mama zu mir sagen. Er sagt jetzt zur Spinne Mama und zu mir Tante, Halil gehört jetzt der Spinne. Ich habe aufgehört zu essen. Ich bin ein Stück Dreck. In sieben Tagen kommt Yunus zurück.“ (S.100)

 

Worum geht´s?

Filiz wächst in einem kurdischen Dorf in der Türkei auf. Sie ist zwölf, als sie sich in den um wenige Jahre älteren Yunus verliebt und mit ihm von einem gemeinsamen Leben im Westen träumt: »›Wie wollen wir leben, Yunus?‹ / ›In Jeans. Wir werden Jeanshosen tragen. In Deutschland.‹« Mit fünfzehn heiratet sie Yunus – heimlich und gegen den Willen ihres Vaters. Doch mit der Hochzeit platzen auch die Träume von Freiheit und Autonomie: Statt Jeans trägt Filiz jetzt Burka; gemeinsam mit den drei Kindern, die in dieser Ehe geboren werden, ist sie der körperlichen und seelischen Brutalität ihres Mannes und ihrer Schwiegermutter ausgesetzt. Daran ändert auch die Emigration der Familie in den Westen nichts – vorerst. Denn nach einer neuerlichen Eskalation der Gewalt gelingt Filiz das vermeintlich Unmögliche: die Befreiung aus physischer und psychischer Abhängigkeit.

 

Cover und Titel

Das Cover dieses Romans hat mich zusammen mit dem ominösen Titel „Blauschmuck“, unter dem ich mir nichts vorstellen konnte, neugierig gemacht. Erst bei genauerem Hinsehen fällt auf, dass der blau-grün gemusterte Hintergrund die Silhouette einer Frau darstellt. Im Zentrum des Covers steht in weißen Großbuchstaben der Titel „Blauschmuck“, dessen Bedeutung sich gleich zu Beginn der Geschichte erklärt. Es ist selten, dass ein einziges Wort den Inhalt eines Romans derart treffend beschreibt.

 

Mein Eindruck

Ich wurde gewarnt vor diesem Buch. Mehrfach. Es sei wirklich hart und schwer zu verdauen. Ich fand den Klappentext aber so ansprechend und dachte „So schlimm wird es ja nun nicht sein. Solange niemand niedergemetzelt wird, halte ich das gut aus.“ Nun, so viel ist klar: Eine Geschichte kann auch fast unerträglich brutal sein, wenn niemand niedergemetzelt wird. Denn in „Blauschmuck“ wird niemand im eigentlichen Sinne auf bestialische Weise ermordert, sondern vielmehr über mehrere Jahre auf schier unglaublich brutale Art und Weise gequält. Erzählt wird die Geschichte eines kurdischen Mädchens, dass auf eigenen Wunsch früh heiratet und damit ungeahnt einen Pakt mit dem Teufel schließt.

Katharina Winklers Schreibstil ist außergewöhnlich distanziert und nüchtern, was absolut zum Erzählten passt. Noch nie habe ich erlebt, dass kurze Sätze eine derart immense Aussagekraft innehaben können. Anstatt die körperlichen und seelischen Schandtaten ausschweifend im Detail zu beschreiben, werden sie in wenigen kurzen Sätzen abgehandelt. Und trotz dieser Konzentration auf die wesentlichen Informationen und dem Verzicht auf jegliche detaillierte Beschreibungen der Schandtaten des Ehemannes musste ich dieses Buch so manches Mal zur Seite legen, um das Gelesene zu verarbeiten.

Aber es sind nicht nur die Gewalttaten, die mir so zu schaffen gemacht haben, sondern auch die Haltung der Protagonistin, des Opfers. Sie wächst in einem kurdischen Dorf auf, in dem Gewalt der Ehemänner an ihren Frauen zum Alltag gehört und Frauen, die unversehrt sind, ausgestoßen werden. Filiz lechzt nach Zuneigung, Anerkennung und Aufmerksamkeit. Und durch die Gewalt ihres Mannes bekommt sie zumindest letzteres, weshalb sie seine Gräultaten stillschweigend erträgt.

Auch eine Woche nach Beendigung der Lektüre kann ich kaum glauben, dass Katharina Winkler hier eine wahre Geschichte erzählt. Dass es häusliche Gewalt in mehr Familien gibt als man denkt, ist hinlänglich bekannt. Dass dieses Thema in anderen Kulturkreisen noch häufiger präsent ist als in Deutschland, ist auch nichts Neues. Aber dass es Menschen gibt, die vorgeben ihre Ehefrau zu lieben, diese auf derart brutale Art und Weise körperlich und seelisch missbrauchen, hat mich wirklich geschockt. Ich möchte es einfach nicht wahrhaben, dass eine reale Person diese Qualen erleiden musste. Und dass sie vermutlich nicht die Einzige ist, der dies wiederfährt. Ich möchte gern weiter in einer Welt leben, in der es so etwas nicht gibt. Das geht nun nicht mehr. Und allein deshalb werde ich „Blauschmuck“ mein Leben lang nicht mehr vergessen. Außerdem ist Katharina Winklers Erzählstil wirklich brilliant und auch deshalb hat es sich gelohnt, sich auf diesen Roman einzulassen.

 

Mein Fazit:
„Blauschmuck“ zu lesen ist wie ein Bad in eiskaltem Wasser: Man ist schockiert, ringt nach Luft und ist froh, wenn man es hinter sich hat. Trotzdem kann ich dieses Buch nur jedem empfehlen, weil es eine Geschichte erzählt, die auf so wenigen Seiten mit so wenigen Worte eine Intensität hat, derer man sich nicht entziehen kann. Man muss Einiges aushalten, aber auch wenn es weh tut: das Bad im kalten Wasser lohnt sich. Denn danach weiß man seine 38 Grad warme Badewanne wieder zu schätzen.

 

 bewertung5

 

 Vielen Dank an den Suhrkamp Verlag für dieses Rezensionsexemplar.

 

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