|Rezension| Bis ans Ende der Geschichte – Jodi Picoult

Vielschichtiger Roman über Schuld und Vergebung

 Bis ans Ende der Geschichte
Originaltitel: The Storyteller
Übersetzung: Elfriede Peschel
Gebundene Ausgabe: 19,99 Euro
Ebook: 15,99 Euro
Erscheinungsdatum: 31.08.2015
560 Seiten

„Ich liebe das Gefühl, geliebt zu werden. Ich liebe es nicht, zu wissen, dass ich immer an zweiter Stelle kommen werde. Ich liebe es, wenigstens manchmal bei mir zu Hause nicht allein zu sein. Dass es nicht immer der Fall ist, liebe ich nicht. Ich liebe es, ihm keine Rechenschaft schuldig zu sein. Ich liebe es nicht, dass er mir keine Rechenschaft schuldet. Ich liebe das Gefühl, das ich habe, wenn ich mit ihm zusammen bin. Aber ich liebe das Gefühl nicht, das ich habe, wenn ich es nicht bin.“ (S.381)

 

Worum geht´s?

Sage Singer ist eine junge Bäckerin. Sie hat ihre Mutter bei einem Autounfall verloren und fühlt sich schuldig, weil sie den Wagen gelenkt hat. Um den Verlust zu verarbeiten, nimmt sie an einer Trauergruppe teil. Dort lernt sie den 90jährigen Josef Weber kennen. Trotz des großen Altersunterschieds haben Sage und Josef ein Gespür für die verdeckten Wunden des anderen, und es entwickelt sich eine ungewöhnliche Freundschaft. Als Josef ihr eines Tages ein lang verschwiegenes, entsetzliches Geheimnis verrät, bittet er Sage um einen schwerwiegenden Gefallen. Wenn sie einwilligt, hat das allerdings nicht nur moralische, sondern auch gesetzliche Konsequenzen. Sage steht vor einem moralischen Dilemma: Denn wo befindet sich die Grenze zwischen Hilfe und einem Vergehen, Strafe und Gerechtigkeit, Vergebung und Gnade?

 

Cover und Titel

Jodi Picoults Romane sind in ihrer Gestaltung grundsätzlich eher düster, so auch „Bis ans Ende der Geschichte“: Das Cover hat einen schwarzen Hintergrund, im Vordergrund sieht man die Rückenansicht einer jungen Frau, die alte handschriftliche Texte liest. Mir gefällt diese dezente Gestaltung des Covers sehr gut. Es verrät nicht allzu viel vom Inhalt der Geschichte und lässt dem Betrachter Raum für eigene Vorstellungen. Kennt man den Inhalt der Geschichte, lässt sich vermuten, dass es sich bei der abgebildeten Frau um die Protagonistin Sage handelt.

Der deutsche Titel „Bis ans Ende der Geschichte“ hat mit dem Originaltitel „The storyteller“, „Der Geschichtenerzähler“, nicht wirklich viel zu tun. Mir gefällt der amerikanische Titel besser, da er vielschichtiger ist und verschiedene Aspekte des Romans berührt. Der deutsche Titel hingegen ist meines Erachtens etwas nichtssagend – ich konnte mir nichts darunter vorstellen und hätte vermutlich bei diesem Titel nicht zu dem Buch gegriffen, wenn es nicht aus der Feder von Jodi Picoult stammen würde.

 

Mein Eindruck

Ich bin ein großer Fan der Romane von Jodi Picoult. Immer wieder greift sie spannende Themen auf, die moralische Fragen aufwerfen. Als Leser taucht man in ihre Geschichten ein, wird eins mit den Protagonisten und fragt sich immer wieder „Wie würde ich handeln?“.

Bei „Bis ans Ende der Geschichte“ brauchte ich ein wenig, um mich in die Handlung einzufinden. Anfangs habe ich die ständigen Perspektivwechsel, die charakteristisch für Jodi Picoults Romane sind, vermisst. Diese sind allerdings auch hier vorhanden, nur wechseln sie nicht ganz so regelmäßig wie in den Vorgängerromanen. Unterteilt ist die Geschichte in drei große Teile, in denen die Perspektivwechsel durch unterschiedliche Schriftarten deutlich gemacht werden. Im Zentrum der Geschichte steht die junge Bäckerin Sage, in deren Lebens- und Familiengeschichte Jodi Picoult einige schwierige Themen wie Nationalsozialismus, Schuld, Vergebung, Selbstweifel und natürlich auch Liebe verarbeitet. Gerade mit der Verarbeitung der Geschehnisse im 2. Weltkrieg betritt die Autorin neues Terrain, auf dem man sich leicht angreifbar macht. Ihr gelingt jedoch eine ausgezeichnet recherchierte, authentische und vielseitige Schilderung des Holocausts, die sowohl Opfer als auch Täter in den Mittelpunkt rückt und zeigt, dass es manchmal gar nicht einfach ist zu entscheiden wer Opfer und wer Täter ist.

Während vor allem die Abschnitte über die NS-Zeit zum Teil sehr bedrückend und ergreifend sind, verleihen die Kapitel über Sages aktuelle Lebenssituation bedingt durch eine Liebesromanze, die hier eine größere Rolle spielt, dem Roman die nötige Leichtigkeit, um das Buch am Ende zufrieden und nicht zutiefst deprimiert zuklappen zu können. Warum zutiefst deprimiert? Weil Jodi Picoult in einem von ihr gewohnt emotionalen und sensiblen Schreibstil die Grausamkeiten der NS-Zeit in vielen schrecklichen Details schildert, die nur schwer verdaulich sind. Mich hat dieser Erzählstrang oft an den Film „Schindlers Liste“ erinnert, da sich einige Aspekte überschneiden. Vor allem die Frage nach dem „Ist ein Mensch nur gut oder nur schlecht?“ spielt sowohl im Film als auch in diesem Roman eine zentrale Rolle.

Jodi Picoults Figuren sind sehr ausdifferenzierte und vielschichtige Charaktere, die nicht einfach zu durchschauen sind und eben dadurch so real wirken. Als Leser fällt es leicht sich in sie hineinzuversetzen und mit ihnen über Fragen von Schuld, Vergebung und Moral zu grübeln.

Der Spannungsbogen wird trotz der knapp 600 Seiten kontinuierlich aufrecht erhalten – nicht zuletzt durch die wechselnden Perspektiven und unvorhersehbare Wendungen fliegt man förmlich durch die Seiten. Trotz all dieser positiven Aspekte hat mich der Roman nicht restlos von sich überzeugt, was sich schwer begründen lässt, ohne zu viel vom Inhalt zu verraten. Es gab jedenfalls einen Erzählstrang, der eine fantasievolle Geschichte beinhaltete, die mich mehr verwirrt als gut unterhalten hat, weshalb ich einen Punkt von der maximalen Punktezahl abziehen muss.

Mein Fazit: Wieder einmal gelingt es Jodi Picoult eine bewegende Geschichte über moralische Dilemmata zu verfassen, die keinen Leser kalt lässt. Mit einem Schwerpunkt auf den Geschehnissen des Holocausts begibt sich die Autorin dieses Mal auf gewagtes Terrain, überzeugt aber durch eine vielseitige und sensible Schilderung der Ereignisse, die sie mit einer leichten Liebesromanze kombiniert. „Bis ans Ende der Geschichte“ ist genau die richtige Lektüre für graue Herbsttage!

 

Bewertung4

Vielen Dank an den C. Bertelsmann Verlag und das Bloggerportal für dieses Rezensionsexemplar.

 

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