|Rezension| Alles wird hell – Julia Jessen

Für mich wurde leider nichts hell…

 

 

Gebundene Ausgabe: 19,95 Euro

Ebook: 15,99 Euro
Erscheinungsdatum: 11.02.2015
304 Seiten
„Mich dürstet es nach Mitleid. Ich will bemitleidet werden. Ich will nichts Kluges mehr hören. Ich will auch nicht nachdenken. Ich will einfach recht haben. Recht haben will ich. Keine Ahnung, wo man hingehen soll, wenn man recht haben will. Nicht in meine Familie.“ (S. 72)

 

Worum geht´s?

»Ich stehe schon fast am Gartenzaun. Schaue auf meine Füße. Sie stehen ganz genau nebeneinander. Höchstens noch sieben Schritte bis zum Tor. Höchstens. Als ich wieder hochschaue, sehe ich mich. Eine alte Frau. Ich stehe auf meiner Gartentreppe und rauche. Ich sehe, wie ich stürze. Kopfüber. Ich stürze sehr langsam. Still ist es.«

Es ist Odas Geschichte, die Julia Jessen in ihrem wunderbaren Debüt erzählt, die Geschichte einer Frau, die das Glück familiärer Beständigkeit wie das der kleinen Fluchten kennt, die sich nicht in den widersprüchlichen Anforderungen eines »modernen« Lebens verliert, die unkonventionelle Entscheidungen trifft und nicht damit hadert. Da ist das kleine Mädchen, die erste Lüge und das Gefühl von Freiheit. Da ist die provozierende Sechzehnjährige, der gnadenlose, dennoch liebevolle Blick auf die Verwandtschaft und die erste sexuelle Erfahrung. Da ist die junge Frau, die sich ein zweites Kind wünscht, und ihr Mann, der diesen Wunsch verweigert. Wie wird man damit fertig, ohne sich zu trennen? Wie kann man Entfremdung überwinden, die Liebe bewahren? Bis ins Alter? Davon erzählt dieser großartige Roman eines Lebens. Ganz und gar gegenwärtig. Und alles wird hell.

 

Cover und Titel

Auf der Leipziger Buchmesse ist mir dieser Roman durch sein schönes Cover aufgefallen. Die schöne Schriftart, die den Titel und Autorenname in den Vordergrund hebt und die Landschaft mit Rapsfeld im Hintergrund legt die Vermutung nahe, dass es sich hier um einen leichten Sommer-Roman handelt. Dafür spricht übrigens auch der positiv konnotierte Titel „Alles wird hell“. Der Klappentext hingegen, der lediglich einen Dialog aus der Geschichte wiedergibt, lässt schon erahnen, dass man mit der anfänglichen Vermutung, es könne sich um eine heitere Sommergeschichte handeln, falsch liegt.

Insgesamt spiegeln Covermotiv und Titel trotzdem zu 100% den Inhalt wieder, weshalb ich sie für sehr gelungen halte.

 

Mein Eindruck

Der Einstieg in die Geschichte fiel mir durch Julia Jessens ungewöhnlichen Schreibstil schwer. In sehr kurzen, nahezu abgehackten Hauptsätzen, die von vielen Wiederholungen geprägt sind, wird der Leser mit einer Situation konfrontiert, in der sich die Protagonistin Oda, aus deren Perspektive erzählt wird, befindet und die man zunächst nicht einordnen kann. Auf den nachfolgenden 300 Seiten begleiten wir die Protagonistin durch ihr Leben, dass in vier große Abschnitte unterteilt ist, nämlich als sie 5, 16, 40 und 80 Jahre alt ist.

Wenn man sich erst einmal an Julia Jessens Schreibstil gewöhnt hat und merkt, dass gerade dieser hervorragend zu ihrer eigenwilligen Protagonistin passt, ist es nicht schwer der Handlung zu folgen. Besonders hervorzuheben die Tatsache, dass immer wieder ganz Alltägliches von skurrilen Situationen unterbrochen wird, die den Leser mal faszinieren, mal amüsieren und auch mal schockieren. Diese Abwechslung hat mir gut gefallen. Trotzdem fehlte mir irgendwie die Kontinuität in der Geschichte: „Alles wird hell“ liest sich eher wie eine Aneinanderreihung von kleinen Episoden und nicht wie ein großes Ganzes.

Ein immer wiederkehrendes Thema im Roman ist die Frage nach dem Hell und Dunkel. Oda selbst ist schon von Beginn an dunkel, also voller Geheimnisse, nicht durchschaubar und hinterfragt, ob es Menschen gibt, die nur hell oder nur dunkel sind. Einerseits scheint sie  nach Helligkeit zu streben, wird jedoch immer wieder von der „dunklen Seite“ Anderer angezogen, was zur Folge hat, dass sie selbst immer dunkler wird.

Die Geschichte ist von Metaphern und Anspielungen durchwoben, deren Sinn einem sich nicht immer bis ins kleinste Detail erschließt, die dem Roman aber einen hohen Anspruch verleihen. Insgesamt ist der Grundtenor des Romans eher dunkel, sprich düster, was vor allem an einer Protagonistin liegt, die bis zuletzt von Selbstzweifeln und Unzufriedenheit geprägt ist.

Zuletzt muss ich noch auf einen Logikfehler aufmerksam machen, den entweder ich in meinem Denken oder die Autorin in ihrer Geschichte hat. Da die Autorin nie Jahreszahlen in ihrer Geschichte benutzt, weiß man nicht recht, wann Oda eigentlich gelebt hat. Da sie am Ende aber 80 ist und gewisse Details wie Automarken etc. darauf hinweisen, würde ich mal behaupten, sie ist in den 30er/40er Jahren geboren. Dann ist es meines Erachtens absolut unglaubwürdig und unlogisch, dass die 16-Jährige Protagonistin ein T-Shirt mit der Aufschrift „Kein Applaus für Scheiße“ trägt.

 

Mein Fazit: „Alles wird hell“ ist die Lebensgeschichte einer Frau, die einerseits so alltäglich und andererseits doch wieder besonders ist. Es bleibt unklar, was genau die Protagonistin eigentlich will, so dass mir für eine Empfehlung der Geschichte letztlich das notwendige Licht im Dunkeln fehlt, die Geschichte vollends begreifen und interpretieren zu können.

 

Bewertung3

Vielen Dank an den Antje Kunstmann Verlag für dieses Rezensionsexemplar.

 

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