|Rezension| 180 Grad Meer – Sarah Kuttner

 Meer Authentizität geht nicht!

 

51ugK393SPLVerlag: S. Fischer
Gebundene Ausgabe: 18,99 Euro
Ebook: 16,99 Euro
Hörbuch: 19,95 Euro
Erscheinungsdatum: 31.12.2015
272 Seiten
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„Und obwohl ich es liebe, mich von der hysterischen, anonymen Masse in der Stadt mitreißen zu lassen, vielleicht hier und da ein wenig unverdienten Glitzer abzustauben, geht mein Herz erst richtig an diesem grauen Meer aus Tristesse auf.“ (S.62)

 

Worum geht´s?

Nachdem ihr Vater die Familie verlassen hat, ist Jule mit ihrem Bruder und ihrer selbstmordgefährdeten Mutter aufgewachsen. Als Erwachsene hat sie sich einen Alltag geschaffen, in dem sie alles nur noch irgendwie erträgt: ihren Job als Sängerin, die unzähligen Anrufe ihrer Mutter, den ganzen Hass in ihr, der sie fast verschwinden lässt. Als auch ihre Beziehung zu bröckeln beginnt, flieht sie zu ihrem Bruder nach England, auf der Suche nach Ruhe und Anonymität.
Doch dort trifft sie auf ihren Vater, der im Sterben liegt. Zaghaft beginnt Jule einen letzten Versuch, sich dem Mann anzunähern, von dem sie sich ihr Leben lang im Stich gelassen gefühlt hat.

Eine tragikomische Road-Novel über das komplizierte Verhältnis zu den eigenen Eltern und den Wunsch, Urlaub von sich selber machen zu können.

 

Cover und Titel

Ganz ehrlich: Wenn auf diesem Buch nicht der Name Sarah Kuttner stehen würde, hätte ich es in der Buchhandlung vermutlich gar nicht wahrgenommen. Zu dem Cover von „180 Grad Meer“ habe ich zwiespältige Gefühle. Eigentlich spricht es mich aufgrund seiner Tristesse nicht an. Zu sehen ist ein graues Bild eines Meeres, in dessen Mitte der Titel und Autorenname im Fokus stehen sollte, wenn da nicht der Aufkleber mit Sarah Kuttners Gesicht am unteren Bildrand wäre. Insgesamt erscheint das Cover durch das Grau langweilig und nicht wirklich ansprechend. Lediglich der giftgrüne Titel lockert das Ganze etwas auf.

Den Titel finde ich sehr poetisch, wenngleich man sich nicht wirklich etwas darunter vorstellen kann. Hat man das Buch aber gelesen, wird einem bewusst wie unglaublich treffend sowohl Cover als auch Titel sind. Ich finde es deshalb wirklich lobenswert, dass der Verlag zugunsten der Geschichte auf ein auffälliges Cover verzichtet hat und sich stattdessen für ein Motiv entschieden hat, dass eben nicht passender zur Story sein könnte.

 

Mein Eindruck

Ich gebe zu: Ich war skeptisch. Obwohl ich schon zwei Bücher der Autorin gelesen habe, die mir beide gut gefallen haben, war ich skeptisch, was mich bei „180 Grad Meer“ erwartet. Zumal in der Buchbeschreibung von einer „Road-Novel“ die Rede ist und die in der Regel so gar nicht mein Fall sind. Aber zum einen ist dieser Roman nun mal von Sarah Kuttner und zum anderen habe ich schon zig Lobeshymnen auf dieses Buch gelesen, also musste ich es einfach lesen.

Bereits nach 2 Seiten war mir eines klar: „180 Grad Meer“ ist definitiv Sarah Kuttners bisheriger schriftstellerischer Höhepunkt. Sofort war ich gebannt von ihrer Art zu Erzählen, die sich für mich nur schwer beschreiben lässt. Einerseits liest man da die freche Berliner Schnauze raus, andererseits gibt es aber auch eine Unmenge an ernsthaften, traurigen und poetischen Sätzen, die ich am liebsten alle konservieren würde. Die Art wie die Autorin eine ernste, oft traurige Geschichte mit Humor an den richtigen Stellen spickt, macht für mich den besonderen Reiz dieses Buches aus.

Es ist keine klassische Road-Novel im Sinne von Abenteuern, die ein Reisender erlebt. Vielmehr ist es die Aufarbeitung einer Familiengeschichte bei der die äußeren Umstände wie Ort und Zeit eher nebensächlich sind. Es geht um innere Zustände, um den Umgang mit Familienmitgliedern und die entscheidende Frage: „Was will ich eigentlich?“

Sarah Kuttners erzählerisches Talent ist dabei das Herzstück dieses Buches. Es ist nicht wie so oft eine sympathische Protagonistin, eine große Liebesromanze oder ein unheimlich spannender Plot, die diese Geschichte so lesenswert machen. Vielmehr erzählt „180 Grad Meer“ eine Geschichte ohne jegliche Übertreibung, deren Ende das wichtigste Merkmal dieses Buches, die Authentizität,  nochmal doppelt unterstreicht.

 

Mein Fazit: In „180 Grad Meer“ verarbeitet Sarah Kuttner ein ernsthaftes Thema, nämlich wie unsere Vergangenheit unsere Gegenwart beeinflusst, in einer tragikomischen Geschichte, die durch eine ehrliche, oft witzige Sprache, kluge Beobachtungen und ambivalente Charaktere besticht. Ein wundervolles, ehrliches Buch, das von der ersten bis zur letzten Seite berührt. Ganz klare Leseempfehlung.

 

bewertung5

 

Vielen Dank an die Weltbild Österreich für dieses Rezensionsexemplar.

 

Weitere Rezensionen zum Buch:
  • Lotta

    Hallöchen meine liebste Evi,
    ach ich finde es so klasse, dass uns beiden das Buch so unglaublich gut gefallen hat. Ich habe bisher nichts von Sarah Kuttner gelesen, aber jetzt bin ich vollkommen fasziniert. Ich muss muss muss alle anderen auch noch hören/lesen. Wie auch immer. Ich bin so unglaublich glücklich, dass ich mir das Hörbuch angehört habe. Es wurde von Sarah Kuttner selbst eingesprochen und das war einfach nur unglaublich gut. Sie hat Jule einfach so richtig gut verkörpert. Wie kann man einfach so gut sein? Verrückt.

    Liebst, Lotta