|Lesung| Ferdinand von Schirach – Die Würde ist antastbar

Hallo ihr Lieben,

wie meine Twitter-Follower vermutlich schon mitbekommen haben, war am Sonntag in unserer kleinen Großstadt auch endlich mal was los in Sachen Literatur: Ferdinand von Schirach las in einem gut gefüllten Volkshaus (unter anderem) aus seinem neuesten Buch „Die Würde ist antastbar“.

noch ist das Podium leer...

noch ist das Podium leer…

 

350 Menschen warten auf Ferdinand von Schirach

350 Menschen warten auf Ferdinand von Schirach

Bevor der Autor auf die Bühne kam, wurde der 20. Jenaer Lesemarathon, dessen Auftakt die heutige Lesung darstellt, offiziell mit einer kurzen Ansprache von Jenas Stadtentwicklungsdezernenten Denis Peisker eröffnet. In seiner Rede begrüßte er Ferdinand von Schirach in „unserer kleinen Stadt“, was dieser, als er unter großem Beifall auf die Bühne trat, gleich aufgriff und ihm widersprach: Jena sei doch nicht klein, sondern sehr schön- vor allem im Vergleich zu München, wo er die letzte Nacht in einem Hotelzimmer ohne Armaturen im Bad genächtigt hat. Mit dieser witzigen Episode bricht er sofort das Eis – das Publikum lacht genüsslich und ist sofort begeistert.

Ferdinand von Schirach im Volkshaus Jena

Ferdinand von Schirach im Volkshaus Jena

Weiter geht es mit der „Blaskapellen“-Geschichte, namens „Volksfest“, aus seiner 2010 erschienen Kurzgeschichtensammlung „Schuld“. Auch wenn diese Geschichte definitiv eine der härtesten ist, die Schirach bisher veröffentlicht hat, hat es mich gefreut, dass er ausgerechnet diese ausgewählt hat, da es genau diese Story war, die mir unter allen am meisten im Kopf geblieben ist. Im Saal war es mucksmäuschenstill und man konnte die Anspannung und Fassungslosigkeit der Zuhörer förmlich spüren. Eine Zuschauerin hat diese Geschichte im wahrsten Sinne des Wortes umgehauen- sie wurde ohnmächtig. Nachdem Ferdinand von Schirach sich versichert hat, dass sie gut versorgt ist und es ihr wieder besser geht, kam er nach der Pause mit einem Auszug aus einem Werk von Kafka zurück, in dem dieser exakt die gleiche Szene (ohnmächtige Zuhörerin) bei einer seiner Vorlesungen beschreibt. Nicht vorhandene Spontanität kann man ihm auf jeden Fall nicht vorwerfen.

Im sich anschließenden interaktiven Part der Lesung diskutierte Ferdinand von Schirach den unter Juristen wohl allseits bekannten „Mignonette-Fall“ aus dem 1884, bei dem vier gekenterte Schiffsleute den schwächsten unter ihnen töten und essen, um selbst zu überleben. Der Autor forderte uns auf, uns in die Lage des Richters zu versetzen und zu entscheiden: Sind die drei Männer schuldig zu sprechen oder nicht? Immerhin haben sie jemanden gemeinschaftlich ermordet. Andererseits wären sie ansonsten vermutlich alle vier gestorben. Aus dem Publikum gab es die unterschiedlichsten Ansichten und schließlich löste Schirach den Fall auf: die Angeklagten wurde zum Tode verurteilt, später aber von der Königin begnadigt. Außerdem stellte er uns noch das „Weichensteller“-Gedankenexperiment vor: Ein Zug fährt auf einem Gleis, das beschädigt ist. Wenn der Zug weiterhin auf diesem Gleis fährt, wird es zu einer Katastrophe kommen, bei der viele Insassen des Zuges sterben werden. Aufgrund dieser Sachlage steht ein Mensch vor der Entscheidung eine Weiche umzustellen, was dazu führt, dass der Zug auf ein anderes Gleis gelenkt wird, an dem gerade vier Streckenarbeiter einen Schaden reparieren. Wie würdest du handeln? Das Leben der vier Streckenarbeiter töten, um die Zuginsassen zu retten? Auch dieser Fall (und eine Abwandlung dessen) wurde differenziert zwischen Publikum und Autor diskutiert.

Der Autor diskutiert mit dem Publikum über Moral und Schuld.

Der Autor diskutiert mit dem Publikum über Moral und Schuld.

Nachdem nun allen aufgrund dieser schwierigen moralischen Dilemmata der Kopf rauchte, lockerte Ferdinand von Schirach die Veranstaltung mit einem amüsanten Auszug aus seinem Roman „Tabu“ wieder auf und entlockte dem Publikum den ein oder anderen Lacher.

Schließlich wurde es zum Ende der Veranstaltung wieder etwas ernster, indem Schirach zwei seiner Essays („Die Würde ist antastbar“ und „Weil wir nicht anders können“) aus seiner kürzlich erschienenen Sammlung „Die Würde ist antastbar“ vorstellte. Auch hier hat der Autor meines Erachtens wieder eine ausgezeichnete Wahl getroffen, da mir diese beiden Texte (und der Essay über das Ipad) am meisten aus der Seele gesprochen haben.

Insgesamt war Schirachs Lesung eine sehr abwechslungsreiche, unterhaltsame, niveauvolle Veranstaltung, die durch eine Signierstunde ihren würdigen Abschluss fand. Es wird definitiv nicht meine letzte Lesung mit Ferdinand von Schirach gewesen sein und ich bin wirklich froh, dass der Autor sich in „unsere kleine Stadt“ gewagt hat 🙂 Danke!!!

Der wunderbare Abschluss des Abends: Ferdinand von Schirach signiert sein/mein Buch.

Der wunderbare Abschluss des Abends: Ferdinand von Schirach signiert sein/mein Buch.

Das bekommt natürlich jetzt einen Ehrenplatz!

Das bekommt natürlich jetzt einen Ehrenplatz!

 

  • booksinmyworld

    Wie lustig! Herzlich Willkommen auf meinem Blog, liebe Jenenserin! Da muss ich doch auch gleich mal bei dir vorbeischauen.
    Fandest du die Lesung denn auch so gelungen? Und arbeitest du tatsächlich in der Ernst-Abbe-Bücherei? Dann arbeite ich nämlich ungefähr 10m von dir entfernt. :)))

    Liebe Grüße
    Evi

    • Lulu

      Ich fand sie bzw. ihn echt toll! Zugegebenermaßen muss ich sagen, dass ich ihn vorher noch nicht kannte und nichts von ihm gelesen hatte. Ich war zusammen mit einer Freundin da, die großer Fan seiner Werke ist, sie hat mich dann ein bisschen ins Bild gesetzt. Und jetzt ist die Liste der Bücher, die ich irgendwann mal lesen will, noch länger 😉

      Ich glaube, wir müssen uns bei Gelegenheit mal treffen 😀

      LG!