|Gastrezension| Kurz bevor das Glück beginnt – Agnes Ledig

Ihr Lieben,

heute ist ein besonders schöner Tag, denn es gibt eine Premiere auf Books in my world: eine Gastrezension! Schon länger habe ich mir gewünscht, gelegentlich eine Rezension, die nicht aus meiner Feder stammt, hier veröffentlichen zu können. Einerseits bietet euch das Abwechslung von meinem Lesegeschmack (wobei dieses Buch nun ausgerechnet voll und ganz in mein Beuteschema passt 🙂 ), andererseits ist …

Bisher blieb es aber bei dem Wunsch nach einem Gastrezensenten, denn alle Rezensionen, die ich selbst gern lese, stammen in der Regel von Bloggern, die ihre Rezension logischerweise auf ihrem eigenen Blog veröffentlichen. Wie das Schicksal es nun wollte, hat mich ein Gewinnspiel auf meinem Blog Anfang dieses Jahres zu einer begeisterten Leserin und mittlerweile guten Freundin geführt, die nicht nur eine wunderbare Fotografin ist, wie ihr auf ihrer Facebook-Seite sehen könnte, sondern noch dazu ein großes Talent hat, mit Wörtern umzugehen.

Liebe Alex, es freut mich sehr, sehr, sehr, dass du dich bereit erklärt hast, einen Rezensionsversuch zu starten, der meines Erachtens nicht hätte besser werden können. Ich würde mich sehr freuen, wenn ihr, meine lieben Leser, das ebenso seht und vielleicht als kleinen Motivationsschub für eine folgende Rezension, einen Kommentar hinterlasst.

Ein Appell ans Leben

 

 

51Moyog3mfLVerlag: dtv premium
Taschenbuch: 14,90 Euro
Ebook: 12,99 Euro
Erscheinungsdatum: 01.05.2015
416 Seiten
Kaufen? Verlag oder in deiner örtlichen Buchhandlung

 

 

„Denn Leben ist Bewegung und Wandel, alles ist im Fluss. Und selbst wenn man von einem tückischen Strudel in die Tiefe gezogen und abgetrieben worden ist, entdeckt man beim Wiederauftauchen doch irgendwann ein paar Seitenarme, die vielleicht schwieriger zu befahren sind, aber ebenfalls zur Mündung führen und zudem interessanter und abwechslungsreicher sind als der lange, ruhige Fluss, dem jeder mit Leichtigkeit folgen kann.“ (S. 313)

 

Worum geht´s?

Schon lange glaubt die junge Julie nicht mehr an Märchen. Sie wollte Mikrobiologin werden, stattdessen muss sie als alleinerziehende Mutter ihr Geld an der Supermarktkasse verdienen. Ebendort lernt sie durch Zufall Paul kennen, der nach 30 Jahren Ehe von seiner Frau verlassen worden ist. Spontan lädt er sie und ihren 3-jährigen Sohn zu einem Familienurlaub am Meer ein. Julie sagt mutig zu – und vor ihnen liegt eine kurze, intensive Zeit voller kleiner und großer Wunder. Doch das Leben ist ebenso wie das Meer den Gezeiten unterworfen …

 

Cover und Titel

Ob Glück tatsächlich einfach so beginnen kann und inwiefern es seinen Beginn wohl ankündigen mag, waren die ersten beiden Fragen, die sich beim Lesen des Titels in meinem Kopf formten und mich als typische Glücksphilosophin neugierig auf die dahinter liegende Geschichte werden ließen.

Dass die Philosophie über das Leben mit all seinen Höhen und Tiefen auch im Roman einen besonderen Stellenwert einnimmt, lässt sich durch den Titel zwar nur vage erahnen, überraschte mich jedoch bereits beim Lesen der ersten Seiten durchaus positiv.

Das Cover, das mit seinen Farben und der maritimen Gestaltung einen Hauch von Küste, Strand und Fernweh vermittelt und damit einen bedeutenden Teil der Geschichte widerspiegelt, sorgte dafür, dass sich mein Bauchgefühl innerhalb weniger Sekunden für den Kauf des Buches entschied, auch wenn es durch die Leichtigkeit, die es vermittelt, dem schicksalhaften Inhalt der Geschichte kaum gerecht wird. Dass der Roman aus dem Französischen stammt und sich dessen Protagonisten in Frankreich aufhalten, das mit seinen malerischen Landschaften zu einem meiner absoluten Traumländer zählt und dem meine tiefsten Sehnsüchte nach Freiheit, Schönheit und Genuss gelten, setzten dieser Kaufentscheidung lediglich das Sahnehäubchen auf.


 

Mein Eindruck

Wie der Klappentext bereits verrät, wird die vom Schicksal bisher nicht unversehrt gebliebene Protagonistin Julie eines Tages überraschend auf ihrer Arbeitsstelle an der Kasse eines Supermarktes von einem Kunden angesprochen, der – dem Alter nach zu urteilen – ihr Vater sein könnte und sie innerhalb kürzester Zeit aufgrund seiner aufflammenden Sympathie ihr gegenüber nicht nur zum Essen sondern gemeinsam mit ihrem kleinen 3-jährigen und seinem bereits erwachsenem Sohn zu einem Urlaub in der Bretagne einlädt, was Julie zum ersten Mal in ihrem Leben einen Hauch von Glück kennenlernen lässt. Auch wenn die Geschichte und die Beschreibung der Geschehnisse, in der ein wildfremder Mann ein 20-jähriges und alleinerziehendes Mädchen innerhalb weniger Tage zu einem für sie gänzlich neuem Leben einlädt, für mich etwas realitätsfern und dadurch dezent märchenhaft kitschig erscheinen, ist die Rolle der Protagonistin Julie mit ihren eigensinnigen und doch liebevollen Charakterzügen, die nicht zuletzt aus den belastenden Lebensumständen ihrer Vergangenheit resultieren, durchaus gelungen.

Während die Geschichte in der jeweiligen Perspektive der verschiedenen Mitstreiter geschrieben ist, werden in unterschiedlichen Abständen zusätzlich tagebuchähnliche Aufzeichnungen der Protagonistin aus ihrer eigenen Perspektive eingefügt, die nicht nur die Identifikation mit ihren Gedanken und Gefühlen, sondern auch deren Glaubwürdigkeit und Authentizität verstärken.

Nachdem sich mir ab der Hälfte des Buches die Frage stellte, wann denn die eigentliche Geschichte dieses Romanes beginnen möge, setzte kurzerhand später ein schicksalhaftes Ereignis alle bisherigen Beschreibungen und Geschehnisse außer Kraft, was das Buch gewissermaßen in ein „vorher“ und „nachher“ teilt und die Geschichte unverhältnismäßig stark in eine ganz andere Richtung lenkt.

Die Protagonistin Julie wird also erneut mit einer schicksalhaften Wendung konfrontiert, die ihr Leben nach einem kurzen Auf ins nächste Hinab stürzt, was aufgrund der Intensität und Aufeinanderfolge der Ereignisse im Hinblick auf die Glaubwürdigkeit der Geschichte einen faden Beigeschmack hinterlässt.

Sprachlich wird die Leidensgeschichte der Protagonistin und ihrer Mitstreiter-/innen emotional aufrichtig und anrührend geschildert. Zahlreiche philosophische und sinnhafte Gedankengänge und Auseinandersetzungen der Protagonisten über das Leben, das Schicksal und die Rolle von Glück und Leid im Dasein der Menschheit geben dem Roman durch ihre wiederkehrende Regelmäßigkeit einen besonderen Touch, der mich an einen kleinen Glücks- und Lebensratgeber erinnert. Nicht nur die Schicksalhaftigkeit verschiedener Ereignisse, sondern auch der Umgang mit ihnen und den Gefühlen, die sie in uns Menschen hinterlassen, wird in einer tiefgründigen Art und Weise betrachtet, die trotz der Schwere der Themen wie Tod, Trennung, Trauer und Verlust immer wieder ans Leben appelliert und den Leser mit Zuversicht erfüllt.

Dass auch das Ende des Buches durch eine schicksalhafte Fügung gekennzeichnet ist, lässt nach den bisherigen Ereignissen und der herausragenden Stellung, die das Schicksal in dem Roman von Agnes Ledig einnimmt, kaum verwundern. Auch wenn ich eine Verfechterin (romantischer) Happy Ends bin, kann mich die erneute und nach allen Tiefschlägen nahezu perfekte Wendung der Ereignisse hin zum Glück leider nur geringfügig überzeugen.

 

 

Mein Fazit: Mit „Kurz bevor das Glück beginnt“ begibt sich der Leser gemeinsam mit der Protagonistin Julie auf eine rasante Achterbahnfahrt, die nach relativ langer Anlaufphase von schicksalhaften Berg-und Talfahrten gekennzeichnet ist. Obwohl die Geschichte und deren Handlung dadurch teilweise etwas realitätsfern wirken, kann sie dennoch mit wunderbaren Charakteren, einer einfachen und flüssigen sprachlichen Gestaltung und tiefgründigen Erklärungen und Gleichnissen im Hinblick auf das Leben mit all seinen Höhen und Tiefen überzeugen. Wer, wie ich, gerne philosophisch über das Leben sinniert, findet in „Kurz bevor das Glück beginnt“ eine absolut liebenswerte und ermutigende Lektüre voller wunderbarer Lebensweisheiten, die trotz oder gerade wegen der Leidensgeschichte der Protagonistin ihre ganz eigene Wirkung beim Leser erzielen.

Bewertung4

 

 

  • Pingback: Monatsrückblick Mai 2015 | Lovely Mix()

  • Franzi

    Huhu, das mit den Gastrezensionen find ich richtig toll, hatte ich selber auch schon mal für meinen Blog überlegt. Muss nur jemanden finden, mit dem ich mich zusammen tu :). Ich mag das Cover ja auch sehr, ich liebäugel schon ne Weile damit und deine Rezension hat mich jetzt überzeugt – ich muss es haben. Ich liebe solche Bücher selber auch und grübel auch gerne über solche Themen nach.

    Die Rezi ist wirklich gut gelungen, mach auf jeden Fall weiter und ich freue mich schon auf die nächste.

    glg Franzi

    • booksinmyworld

      Liebe Franzi,

      hihi, so ging es mir ja auch immer. Ich fand Gastrezensionen schon immer toll, aber ich kannte einfach niemanden, der Rezis schreibt und selbst nicht bloggt. Und nun habe ich diese einzigartige Person gefunden. Jippieh!
      Ich finde das Cover des Romans auch wunderschön und muss ihn trotz Alex‘ Kritikpunkte auch unbedingt noch lesen.
      Danke für deinen lieben und mutmachenden Kommentar und liebe Grüße
      Evi

  • Katja Papiertaenzerin

    Hallo ihr beiden.

    Ich finde Gastrezension sehr toll. Und diese hier ist wirklich sehr gut geschrieben.
    Üblicherweise mag ich dieses Genre nicht besonders gerne, weil mir dabei oft langweilig wird, aber deine Rezension hat mir ein wenig Lust darauf gemacht. Vielleicht, wenn der Sub etwas kleiner ist.

    Liebe Alex, mach weiter. 🙂 – ich freue mich schon auf deine nächste Rezension.

    Liebe Grüße Katja. ♥

    • booksinmyworld

      Liebe Katja,
      danke für deinen lieben Kommentar. Wie toll, dass Alex dich mit ihrer Rezi ein kleines bisschen neugierig auf das Buch machen konnte, auch wenn es üblicherweise nicht in dein Beuteschema passt. Das ist doch letztlich der Grund, warum wir bloggen 🙂

      Und ich stimme dir voll und ganz zu: Alex sollte unbedingt weitermachen (und da spricht nicht nur der Eigennutz aus mir. Hihi).

      Liebe Grüße Evi